So klein der Ortsteil von Pankow auch ist, desto gehaltvoller spielt dessen Geschichte für Pankow aber auch das
Barnimer Land eine gewichtige Rolle.
Einst Berliner Villenvorort um die Jahrhundertwende in das 20. Jahrhundert entstand in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Gemarkungen Rosenthal,
Schönholz und Reinickendorf die Landhauskolonie Wilhelmsruh. Es gab eine Verbindungsstraße von Rosenthal nach Reinickendorf, passierend den
heutigen Bahnhof Wilhelmsruh und nach Schönholz. Früher noch ebenerdig hieß der Bahnhof Rosenthal und wurde mehrmals geändert in die
Bezeichnungen Reinickendorf - Rosenthal", "Rosenthaler Straße" und "Reinickendorf". Gleich nebenan befand sich der
Bahnhof der Heidekrautbahn, welche den Verkehr in das Barnimer Land ab dem Jahre 1901 übernahm. Die Bahntrasse der Nordbahn wurde schließlich
um 1909 auf eine Trasse verlegt um den reibungslosen Verkehr zu gewährleisten.
Erste Begründung der Kolonie soll es 1893 gegeben haben. Der Name taucht aber erst ein Jahr später als "Colonie Wilhelmsruh" in
einem Protokoll einer Gemeindesitzung auf, als Hermann Günther um Benennung bat. Wo der eigentliche Name herstammt, ist nicht überliefert. Das
erste Grundstück soll die heutige Hauptstraße 19 gewesen sein. Es folgten weitere ruhige Jahre für Wilhelmsruh, bis um die Jahrhundertwende die
Parzellierung der Niederschen Besitzungen zwischen dem Wilhelmsruher See und der Wodanstraße durchgeführt wurde. Zu dieser Zeit war Wilhelmsruh
Teil des Gutsbezirks Rosenthal. Eine eigene erste Post bekam Wilhelmsruh in der Niederstraße (1903).
Der zunehmende Anstieg der Bevölkerung und die Tatsache, dass die Gläubigen nach Rosenthal fahren mussten um in die Kirche zu gehen, bewog
den damaligen Gemeindevertretern, dazu in Wilhelmsruh eine Pfarrstelle einzurichten. Mit dem Kauf eines Grundstücks durch den Gemeindekirchenrat
konnte nun ein eigenes Gemeindehaus errichtet werden. Architekt Gottlob wurde beauftragt in Wilhelmsruh eine Kirche zu bauen, die nach ihrer
Fertigstellung im Jahre 1906 geweiht werden konnte. Bezeichnend für den Bau sind die Stilrichtungen der Backsteingotik und des zu dieser Zeit
herrschenden Jugendstils.
Steigende Grundstückspreise in der Stadt Berlin setzte eine industrielle Abwanderung in Gang. Im Jahr 1907 erwarb Sigmund Ludwig Bergmann,
Namensgeber der vereinigten "Bergmann - Elektrizitäts - Werke AG", in Wilhelmsruh 76.000 qm Baugelände und begann bereits ein Jahr
später mit der Errichtung neuer Fabrikanlagen, da im angestammten Weddinger Werk die Kapazitäten erschöpft waren. Vorteil des Geländes war der
Gleisanschluss, welcher dienlich war, um Materialien und fertig gestellte Erzeugnisse zu befördern. Besonders fördernd ergab sich aus der
Gleisanbindung die Beförderung der benötigten Arbeiter, die vorwiegend aus dem dicht besiedelten Wedding, Reinickendorf und anderen Bezirken
der Stadt bequem zu ihren Arbeitsplätzen kamen. Selbst aus den Dörfern des Barnim und Blankenfelde kamen die Arbeiter mit der so genannten
"Heidekrautbahn" nach Wilhelmsruh gefahren.
Nach einem Jahr Bauzeit konnte die Arbeit im neu errichteten Metallwerk beginnen, wo Ausrüstungsteile für Straßenbahnen, Überlandzüge und
elektrische Lokomotiven hergestellt wurden. Wiederum ein Jahr später begann auch das Kabelwerk mit der Herstellung von Dampfturbinen und noch
ein weiteres Jahr später begann die Fabrikation von Automobilen mit Benzinmotoren. Vier Jahre nach Beginn zählt das Gelände nunmehr achtzehn
Fabriken, deren Vielfältigkeit an Herstellungsfeldern beträchtlich war. So wird Sigmund Bergmann 1912 von der Technischen Hochschule Darmstadt
mit dem Prädikat "Weitblickender Techniker und erfolgreicher Organisator" gewürdigt und ihm die Würde eines Dr. Ing. e. h. verliehen.
Mit Ausbruch des ersten Weltkrieges stellten die Werke ihre Produktion auf Rüstungsgüter um. Ihr Firmengründer stirbt 76jährig im Jahr 1927.
Durch die industrielle Ansiedlung kamen immer mehr Bewohner in den Ort, so dass es unumgänglich war, das Schulgebäude in der Edelweißstraße
zu vergrößern. Dieses war zu klein geworden, um den Anstieg der Bevölkerung bedarfsmäßig abzudecken. So kam es 1908 zum Bau der Roten Schule.
Der Ort selbst wurde durch eine Volksbadeanstalt bereichert. Sie galt als medizinische Badeanstalt und befand sich unmittelbar am
Garibalditeich, der eigentlich mehr ein Ententeich ist und seinen Namen der heutigen Garibaldistraße verdankt, die aber früher Viktoriastraße
hieß. Ein Eiswerk welches Anfang des Jahrhunderts abbrannte diente als idealer Standort für das neue Badeprojekt. Hier konnten sich nun
zahlreiche Bürger am Wannenbade ergötzen, denn eigene Bäder gab es kaum.
Auch der Wilhelmsruher See diente den Bürgern in vielerlei Art und Weise. Dessen Ursprung fand der See in den frühen Jahren mit dem Torfstechen
aus einem Sumpfloch, um damit das Gebiet um die Edelweißstraße und Marthastraße aufzuschütten. Da das entstandene Loch sich immer mehr
vergrößerte, kam es zu der Entstehung des heutigen Wilhemsruher Sees. Anfang des Jahrhunderts wurde dort auch mit der Errichtung mehrerer
Eisschuppen begonnen, die die Bevölkerung mit Eisblöcken versorgten. Kühlschränke gab es zu dieser Zeit noch nicht. Während der See im Winter
der Eisgewinnung diente konnten im Sommer Badelustige den Wasserspielen frönen.
Mit Abriss der Eisschuppen konnte auch im Winter der See zum Vergnügen der Bürger genutzt werden. Was im Sommer der See zum Badespaß bot,
diente im Winter nunmehr zum Schlittschuh fahren. Am heutigen Steinrondell entstand damals das hiesige Seebad.
Für der Bildung der neuen Stadtgemeinde Berlins wird Wilhelmsruh Teil von Reinickendorf, wobei Rosenthal und die Nachbargemeinde Schönholz
in den 19. Verwaltungsbezirk von Pankow eingingen.
Ein heute weiteres technisches Denkmal erwarb der Ort Mitte der zwanziger Jahre, als der Hausarchitekt der BEWAG eines der schönsten
Umspannwerke in der Kopenhagener Straße (Nähe S - Bahnhof Wilhelmsruh) errichtete. Mit den zunehmenden Kapazitäten der industriellen Betriebe
sowie der durch die Entstehung der Berliner Verwaltungsbezirke erhöhten Einwohnerzahlen zog die Errichtung dieses Bauwerkes nach sich. Ein
weiterer Punkt der Erweiterung von elektrischer Kapazität war sicherlich auch die Elektrifizierung der Nordbahn, die 1925 in Wilhelmsruh
vollzogen wurde. Zwei Jahre später wurde die Heidekrautbahn in "Niederbarnimer Eisenbahn" umbenannt, blieb aber in den Köpfen der
Bewohner und der mit ihr Reisenden immer als "Heidekrautbahn" erhalten.
Beim strukturellen Gebietsaustausch 1938 wurden Wilhelmsruh dem Verwaltungsbezirk Pankow und Teile des heutigen Wedding dem Verwaltungsbezirk
Reinickendorf zugeordnet. Hier ging man offensichtlich von der Bahntrasse aus, welche als Grenzlinie dient.
Mit dem zweiten Weltkrieg stellten die Werke abermals ihre Produktion für die Rüstung um und beschäftigte nun auch Zwangsarbeiter und
Kriegsgefangene. Wegen gezielter Bombenangriffe wurde das Werk schließlich nach Ratibor verlagert bis die Reste der Werke in Wilhelmsruh gegen
Ende des Krieges zu mehr als zwei Dritteln zerstört waren. Die Rote Armee nahm das Werk in Beschlag, welches auf Grundlage des Befehls 124 der
Sowjetischen Militäradministration beruhte. Die deutsche Treuhandstelle im sowjetischen Besatzungssektor der Stadt Berlin verwaltet nun die
Werksanlagen und viele tausende freiwillige Helfer beginnen mit dem Wiederaufbau der Werkhallen. Nach der ersten Inbetriebnahme konzentrierte
sich das Werk auf die Produktion von einfachen Produkten, die erst einmal dringend benötigt wurden um die Not der Nachkriegsjahre zu überwinden.
Die Werke im Westteil der Stadt wurden auf Beschluss der französischen Besatzer 1947 demontiert und alle Mitarbeiter entlassen. Diese strömten
nun nach Wilhelmsruh und halfen hier beim Wiederaufbau mit. Im Jahre 1949 ging das ehemalige Borsig Werk AG in so genanntes Volkseigentum über
und nannte sich fortan "VEB Bergmann Borsig".
Das Werk spezialisierte sich für die Energiewirtschaft und baute Turbinen, Generatoren und wärmetechnische Apparate. Neben dem überwiegenden
Bedarf im Inland konnten in den späteren Jahren erfolgreiche Exporte auf dem Weltmarkt verzeichnet werden.
Das Jahr 1961 brachte den Wilhelmsruhern ein wenig Abwechslung in den Alltag. Ein Lichtspieltheater wurde gebaut und man brauchte nun nicht
mehr in die Nachbarorte fahren um einen schönen Kinofilm zu sehen. Das Wilhelmsruher Kino hieß Lunik.
Mit dem Mauerbau im gleichen Jahr, konnten Arbeiter aus dem Westteil der Stadt nicht mehr zu den Werken gelangen und verloren somit ihre
Arbeit. Die Einwohner Rosenthals und Wilhelmsruh verloren ihren gemeinsamen S - Bahnanschluss in der Kopenhagener Straße. Das Werksgelände
wurde auf 2000 m mit der Berliner Mauer versehen und die zur Mauer zeigenden Fenster wurden vergittert. Alle beschäftigten Personen erhielten
zu ihrem Betriebsausweis einen so genannte Grenzausweis, mit dem sie sich am Werkseingang ausweisen mussten.
Erst 1990, ein Jahr nach der politischen Wende, öffnete sich für die Rosenthaler und Wilhelmsruher Bürger der geliebte S - Bahnanschluss
jenseits der Kopenhagener Straße und man war nach 28 Jahren der Teilung nun wieder mitten drin - in der Stadt. Nach und nach verschmolzen die
ehemals getrennten Straßen und heute kann man den ehemaligen Mauerstreifen nur noch erahnen.
Der VEB Bergmann Borsig wurde gemäß der marktwirtschaftlichen Situation umstrukturiert und nennt sich ab 1993 ABB Kraftwerke Berlin GmbH.
Der Werksanlagenpark mit seinen gesamten Werkshallen dient nun auch weiteren Unternehmungen als Heimstätte unter dem Namen "Pankow -
Park".
Im neuen Großbezirk Pankow, der die Bezirke Weißensee, Prenzlauer Berg und Pankow vereint ist Wilhelmsruh im Pankower Teil verblieben, zumal
sich die Einwohner auch als Pankower fühlen.