Jüdisches Waisenhaus Pankow

Aus den Erzählungen eines Schülers

Der am 7. August 1913 geborene Alex Deutsch, wohnte mit seinen Eltern und weiteren sieben Geschwistern in der Frankfurter Allee. Der Vater als Schneider, kaisertreu, wurde zu Beginn des ersten Weltkrieges zur Reichswehr eingezogen und kam schwer verwundet und als Pflegefall zurück. Das Krankenhaus, in welches man ihn einwies verließ er erst mit dem Tod 1922. Mutter Rosa war teilweise gelähmt und mit der Einberufung des Vaters begann die Leidensgeschichte der Familie Deutsch. In den Berliner Markthallen sammelten die Kinder unverkäufliches Obst und Gemüse, so das die Mutter den Kindern immer noch eine Mahlzeit zubereiten konnte.

Staatliche Hilfen gab es zu der damaligen Zeit nicht, einzig die Aufnahme des jüngeren Bruders Moritz und von Alex Deutsch selbst, in das II. Jüdische Weisenhaus in Pankow, brachte der Familie etwas Erleichterung. Aus den Erzählungen des Alex Deutsch handelt es sich um ein dreistöckiges Gebäude, welches neben einer Schule einen Tempel beherbergte. Die Klassenzimmer, der Speise- und Aufenthaltsraum befanden sich im Erdgeschoss, mit jeweils 30 Betten ausgestatteten Schlafräume waren im Obergeschoss und im Dachgeschoss befanden sich, neben der Schneiderstube und Wäschekammer, die Wohn- und Schlafräume der Lehrer sowie die Direktorenwohnung.

Das Haus beherbergte 120 - 150 Kinder im Alter von 6 - 14 Jahren, die kahl geschoren zur Disziplin und Selbstständigkeit erzogen wurden. Feste Tagesabläufe mit Gebetszeiten, Schulaufgaben, Hausarbeiten und Spiel gingen bei den Kindern täglich einher.

Die Trennung von der geliebten Mutter und seinen Geschwistern verarbeitete er nur schwer und war sehr verschlossen, was sich auf seine schulischen Leistungen auswirkte. Die sonntägliche Möglichkeit der Familienbesuche wurden beim Abschied stets zur Qual und so brach zeitweise auch der Kontakt zur Familie ab.

Im Jahr 1928 ging Alex Deutsch, der lieber Friseur werden wollte, beim Bäckermeister Drexler am Petersburger Platz in die Lehre und verdiente im ersten Lehrjahr 50 Pfennige, die sich in den folgenden 2 Jahren um jeweils weitere 50 Pfennige steigerten. Damit endete für ihm auch der Aufenthalt im Waisenhaus und sein Leidensweg ging für ihm weiter, bis er schließlich mit seiner Frau und seinem 2jährigen Sohn nach Ausschwitz verbracht wurden, wo er seine Frau und das gemeinsame Kind in der Gaskammer verlor. Alex Deutsch überlebte das Lager und kehrte erst 30 Jahre später zurück nach Berlin.

Das Jüdische Waisenhaus Pankow wurde am 22. Oktober 1882 als Erziehungsanstalt für jüdische Waisenknaben in Pankow eröffnet. Ein Brand vernichtete 1911 das Waisenhaus, so dass zur Weiterführung der Arbeit mit den Kindern ein neues Gebäude gebaut werden musste. Alexander Beer, Architekt und Gemeindebaumeister der jüdischen Gemeinde wurde mit dem Bau in Pankow betraut. Als ehemaliger Regierungsbaumeister, der für die Restaurierung an öffentlichen Gebäuden und Denkmälern beauftragt war, sollte er als Vorraussetzung zur Fortsetzung seiner Arbeit den jüdischen Glauben aufgeben. Dies verweigerte er und fand in der jüdischen Gemeinde zu Berlin eine neue Aufgabe als Gemeindebaumeister und Leiter des Bauamtes der jüdischen Gemeinde. Zu seinen Bauten zählten weiterhin die Synagoge am Cottbusser Ufer, die Synagoge in der Prinzregentenstrasse, das jüdische Museum Oranienburger Straße und die Mädchenschule der jüdischen Gemeinde in der Auguststrasse. Wie Alex Deutsch musste Alexander Beer das Leid der NS - Zeit erfahren und wurde 1943 von der Gestapo nach Theresienstadt deportiert, wo er am 8. Mai 1944 verstarb.

Am 21. September 1913 konnte das neue Haus seiner Bestimmung übergeben werden und gab den Kindern wieder ein Zuhause.

Mit Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden die Lehrer und Kinder aus dem Heim vertrieben und das Haus 1942 beschlagnahmt. Es diente den Machthabern als Reichssicherheitshauptamt - Zentrale Sichtvermerkstelle bis es nach der Befreiung 1945 Sitz des Magistrates von Groß - Berlin wurde und hier die Büros des Bezirksamtes einzogen. Dessen angeschlossen nutzten der Deutsche Sportbund, die polnische und die kubanische Botschaft das Haus und mit dessen Auszug nach der politischen Wende (1991) blieb das Haus acht Jahre leer und verfiel zusehends.

Die gemeinnützige Cajewitz Stiftung kaufte das Haus 1999 vom Staat Israel und ließen es im Jahr darauf aufwendig restaurieren und wieder Instand setzen.

Mit der Wiedereröffnung am 11. Mai 2001 steht das Haus allen Bürgern als Pankower Bezirksbücherei in drei Etagen allen Pankower Bürgern offen. Auch die soziale Arbeit wurde in diesem Haus als Suchthilfestation wieder aufgenommen. Die Bauarbeiten im Hause dauerte noch zwei weitere Jahre an und ermöglichten die vollständige Wiederherstellung des Hauses nach altem Vorbild.

Im Eingangsbereich des Hauses erinnert eine Gedenkwand an die Ermordung von Pankower Bürgern jüdischen Glaubens und in der ersten Etage der Bibliothek erinnert eine ständige Ausstellung an das Leben im ehemaligen Waisenhaus.

Zum Haus gründete sich auch ein "Verein der Förderer und Freunde des ehemaligen Jüdischen Waisenhauses in Pankow" und will mit seiner Arbeit das Gedenken an das jüdische Leben von Berlin erinnern.

Kontaktadresse:

Verein der Förderer und Freunde des
ehemaligen Jüdischen Weisenhauses in Pankow

Berliner Straße 120 - 121, 13187 Berlin
Telefon: 0 30/47 53 10 37
Fax: 0 30/47 53 10 68
eMail: vorstand@juedisches-waisenhaus-pankow.de
Internet: www.juedisches-waisenhaus-pankow.de