Reinickendorf

Berlin's ungeliebtes Stiefkind

Vom Landkreis Barnim im Norden bis an die Ufer der Panke reichen die Grenzen des Nachbarn Reinickendorf. Dieser Bezirk entstand ebenfalls aus ehemaligen Landgemeinden wobei der Namensgeber gegenüber der Pankower Landgemeinden erst ein Jahrhundert später in Erscheinung trat. Das ehemalige Angerdorf liegt heute trotz seiner zentralen Lage abseits der großen Magistralen Berlins wie in einem Dornröschenschlaf, als wenn sich die stiefmütterliche Beziehung zu Berlin bis in die heutige Zeit fortgesetzt hat. Die ehemalige Berlin-Reinickendorfer Landstraße änderte ihren Verlauf, als sie die Grenze zwischen dem Vorwerksland und der Bauernfeldmark überschritten hatte. Sie wandte sich nicht dem Dorfkern zu sondern zog südlich am Dorfe vorbei. Nur ein Feldweg war die Verbindung von der Landstraße zum Dorf. Gleiches kam in Berlin nur in den Angerdörfern Weißensee und Friedrichsfelde vor. Sind alle anderen ehemaligen Angerdörfer zentraler Punkt in den Stadtteilen so findet man den Ortskern von Reinickendorf eher zufällig beim Vorbeifahren oder geradezu aus der "Weißen Stadt" kommend.

Dorfaue Renekendorp um 1900Erste urkundliche Erwähnung fand Renekendorp im Mai 1345. Die Mark Brandenburg befand sich zu dieser Zeit im Krieg und wurde regiert vom Markgrafen "Ludwig der Ältere", Sohn des Kaisers Ludwig von Bayern. In die Streitigkeiten verwickelt waren der König Johann von Böhmen und dessen Sohn Karl, der spätere Kaiser Karl IV. Dieser besagte Karl wollte militärisch mit seinen Vasallen gegen das königliche Berlin vorgehen. Um dessen militärischen Angriff auf Berlin abzuwehren stellte der Markgraf seine Truppen unter der Führung des Gebhard von Alvensleben und des Hempe von Knesebeck von Spandau über Renekendorp, Französisch Buchholz bis nach Strausberg auf. Zu eine Auseinandersetzung kam es aber nicht, da die Streitkräfte des Markgrafen dem späteren Kaiser Karl zu mächtig waren. Bis zur Niederlausitz vorgedrungen zog sich Karl wieder nach Böhmen zurück. Als die unmittelbare Gefahr vorüber war zogen sich die Truppen aus Renekendorp zurück. Übrig blieb ein beurkundetes Schriftstück über die Kosten, wo unter Anderem auch das Dorf "Renekendorp" Erwähnung fand. Es ist zusammengefasst davon auszugehen, dass "Renekendorp" wie schon die benachbarten Pankower Landgemeinden im 13. Jahrhundert seinen Ursprung hatte. Lag doch Renekendorp an der Alten Heerstraße von Berlin über Bötzow (Oranienburg) nach Mecklenburg. Eine andere Überlieferung erzählt von einem Anführer niedersächsischer Siedler, der sich mit jungen Bauernsöhnen am Höhenzug des Barnims niederließ. Dieser Anführer hieß "Reinhard". Sie gründeten ihre Siedlung und nannten diese zu Ehren Ihres Anführers "Reinhards Dorf" (plattdeutsch Renekendorp). Die Verbindung zu Reinecke Fuchs besteht nur aus der Namensähnlichkeit. Ein direkter Zusammenhang besteht nicht, obwohl der Fuchs noch heute in Reinickendorf gesichtet wird. Sein Antlitz fand jedenfalls Platz im Wappen des Ortes. Wann nun das Dörfchen Renekendorp genau entstand ist nicht mehr nachvollziehbar. Es bleibt nur der Eintrag aus den Kriegswirren um die Mark Brandenburg.

Dorfanger mit Schule und Kaiser Wilhelmdenkmal, Reinickendorf 1903Die Besiedlung der Renekendorper Landgemeinden wurde vermutlich von der Festung in Spandau geleitet.  Von hier führte eine alte Heerstraße nach Bernau. Locatoren wiesen den neuen Siedlern Stellen zu, wo die neuen Siedler ein neues Dorf gründen konnten. Die Locatoren waren die Mittelsmänner zwischen den Siedlern und den Rittern, die Besitzer der Ländereien waren. Diese ließen sich meist mit den neuen Siedlern in dem neu gegründeten Ort nieder und wurden Dorfschulze, waren also weiterhin im Auftrage des jeweiligen Rittergutes tätig. Gegenüber den übrigen Dorfbewohnern waren sie Abgabenbefreit, dessen Privileg der Dorfschulze an den ersten männlichen Nachkommen vererben konnte. Hatte er keine männlichen Nachkommen, so erlosch dieses Privileg. Nun wurde durch die Kolonisten das besiedelte Land gerodet und das gewonnene Land in Gewanne aufgeteilt, welches die Siedler für Ackerbau und Viehzucht zugeteilt bekamen. Forst, Wasserläufe und Ödland waren Gemeinbesitz (Allmende). Ebenfalls für das Gemeinwesen wurde in der Dorfmitte die Kapelle errichtet und ein Dorfteich angelegt. Das rechtwinklige und gleichmäßig gestaltete Angerdorf, dessen Höfe regelmäßig einander gegenüber gestellt wurden. Der aus dem Renekendorpschen See abfließende Blockgraben trennte das Dorf von der Feldmark in Richtung Pankow. Am Eingang des Dorfes überquerte man ihn über eine Brücke. Dahinter lagen beiderseitig Kossätenhöfe, dahinter begannen die Bauerngehöfte, gefolgt in der Mitte des Dorfes vom Lehnschulzen- und Pfarrhof, dem Rittergut. Richtung Dorfausgang kam noch das Hirtenhaus, weitere Bauerngehöfte und Kossätenhäuser. Die Kirche nebst Kirchhof sowie Küsterei, die spätere Schule, das Schulzengericht und Anger mit zwei Dorfteichen bildeten den Mittelpunkt des Dorfes. Die Kossätenhöfe sind gegenüber den Bauernhöfen größer, weil die Kossäten über kein Ackerland auf der Feldmark verfügten. Sie bewirtschafteten fünf Sechstel ihres Hofes mit Ackerbau. Großen Einfluss hatten auch die Mönche aus dem Zisterzienserorden im Kloster Lehnin, die den neuen Siedlern mit ihren Erfahrungen im Ackerbau und Viehzucht zur Seite standen.

Dorfkirche Alt ReinickendorfWie in allen anderen beschrieben Landgemeinden fand sich Renekendorp nicht im Landbuch des Kaiser Karl IV. (1375) wieder. Renekendorp war zu dieser Zeit schon im Besitz von Berlin. Damals waren die Dörfer in heller Aufregung geraten, ein Landreiter, die rechte Hand des Markgrafen hatte sich angekündigt. Dieser ritt von Dorf zu Dorf, verhörte die Dorfeigentümer und sammelte so die Informationen für das genannte Landbuch. Die Bauern selbst hatten Angst vor diesem Gast, denn sie ahnten schon, dass die gemachten Angaben der Besteuerung durch den neuen Markgrafen dienten. Kaiser Karl IV., der 1345 die Mark Brandenburg noch militärisch erobern wollte erwarb schließlich im Jahr 1373 für 3 Millionen Goldgulden die Mark Brandenburg von den Wittelsbachern. Dieser schickte dann seine Landsreiter aus, die den unmittelbaren Vögten unterstanden, um seine Besitzverhältnisse und Einkünfte in ein Verzeichnis dokumentieren zu können. Wie Renekendorp zu Berlin kam ist nicht bekannt.

Eine gewisse Mystik betrifft eine Siedlung, die sich nahe des heutigen Schäfersees befand. Ihre Ersterwähnung fand sich am 22. September 1348, als Markgraf Waldemar (der Falsche) den Bürgern von Berlin den Nyenhof (Neuenhof) vereignet; "wenn sie diesen von denen erwerben, die ihn zur Zeit besitzen". Im Jahr 1390 findet sich der Verkauf von „Nyenhofe“, dem Rittergut nahe des Renekendorper Sees (Schäfersee) im Berliner Stadtbuch. Im "Nyenhofe" (auch Neuenhagen) lag das Rittergut, zu dem auch Renekendorp gehörte. Von wem die Ansiedlung gekauft wurde und wie der Kauf zustande kam steht in dem Stadtbuch nicht geschrieben. Es soll der Bürgermeister Tile Brügge gewesen sein, der sein Lehnschulzenamt gegen ein Lehnbesitz in Renekendorp verkaufte. Irgendwann sollen die Ansiedlung Nyenhofe und das Dorf Renekendorp verschmolzen sein, was aber weder dokumentiert wurde noch in irgendeiner Form nachvollziehbar ist. Der Rittergutshof zog an den Dorfanger von Renekendorp. In der Folge wird Nyenhof im Buch der Übertretungen noch zweimal genannt, als ein Bauernknecht wegen Pferdediebstahl aufgehangen wurde und als ein Schäfer, der aus dieser Siedlung stammte den Wald des Markgrafen und der Stadt Berlin (Jungfernheide/Berliner Stadtheide) anzündete. Dieser wurde am 30. April 1407 enthauptet. 1574 wird das Renekendorpsche Vorwerksland als Nigenhagensches Feld bezeichnet. Die Stelle an der Nyenhof lag war nicht zufällig gewählt worden. Sondern hier kreuzten sich die Verbindungen Berlin-Oranienburg und Spandau-Freienwalde. Ob die Siedlung die Keimzelle des heutigen Reinickendorfs ist kann nicht mehr nachvollzogen werden. Später erzählte man sich vom sagenumwobenen versunkenen Dorf, dessen Spuren auf dem Grund des Schäfersees zu finden sind.

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts steht die Stadt Berlin in der Rechtsfolge am Dorf Renekendorp und vermerkt es im "Berliner Stadtbuch". So steht geschrieben; "Reyntendorp sind 40 Hufen, wovon 10 frei sind; der Schulze hat deren 6, (der) Pfarrer 4 Hufen, die anderen 30 Hufen sind Zinshufen. Jede Hufe gibt 4 Scheffel Roggen zur Pflege (Pacht) und 7 Pfennige zu Zins auf St. Martinstag. Die die Hufen besitzen (Bauern), die sollen mit Namen im Stadtregister stehen. Der Krug von Reyntendorp gibt das Jahr auf St. Martinstag 2 Pfund Pfeffer. Zu Reyntendorp sind 13 Kossäten, deren jeder ein Rauchhuhn und zu Zins 14 Pfennige gibt; ausgenommen zwei Kossäten, die geben mehr, einer gibt 4 Schillinge in Pfennigen, der andere 3 Schillinge in Pfennigen; auch gibt einer 12 Hühner. Der Zins beläuft sich gewöhnlich auf ein Pfund, bisweilen auch weniger." (Ein Rauchhuhn musste immer von derer abgegeben werden, die über eine Herdstelle (daher Rauch) verfügten. Der Dorfkrug war eine wichtige Institution auf der Heerstraße und befand sich am Südende des Dorfes.). Die Umgebung von Renekendorp hatte für die Dorfbewohner keinen großen Nutzen, die Ackerflurstücke waren überwiegend sandig und grenzte an die karge Magistratsheide. Das nördliche angrenzende Gebiet war das sumpfige Peckwisch. Andere Teile der Renekendorper Feldmark waren mit Bäumen und Sträuchern bewachsen. Der Rittergutshof, der zuvor am Reinickendorfer See (Schäfersee) lag wurde nun am Anger untergebracht und übernahm fortan die Bewirtschaftung.

Wie schon in der Vorzeit ist auch nach dem Eintrag in das Stadtbuch Berlins die Entwicklungsgeschichte vom Dorf "Renekendorp" eher karg. 1459 wird Renekendorp der Prostei Bernau unterstellt und die Glocke der kleinen Dorfkapelle erhält nach einem Umbau die Jahreszahl "1491". Aus der Fachwerkkirche wurde ein Felssteinbau. Ein weiteres halbes Jahrhundert schweigen die Aufzeichnungen über Renekendorp. Im Jahr 1541 wurde aus Anlass der Kirchenreformation die Renekendorper Kirche und Küsterei visitiert (Besuch, Visite). Dies wurde im Visitationsprotokoll festgehalten. Hier erfahren wir auch erstmalig den Namen eines der Dorfbewohner Renekendorp, Hans Thom. Das bis 1543 noch zu gleichen Teilen der Stadt Berlin und Cölln gehörende Renekendorp und dessen Renekendorper Bruch (Bruch = Pachtwische = Pachtwiese, die altmärkisch überflutet ist) wurde bei einer gescheiterten Vereinigung und der Neuordnung von Besitzverhältnissen zwischen Berlin und Cölln alleinig dem Rate Berlin unterstellt. Dies brachte den Bewohnern insofern Erleichterung, dass nur noch ein Eigentümer über die Entwicklung der Landgemeinde entschied. Die Stadt Berlin übernahm das Rittergut Renekendorp in eigene Verwaltung und Bewirtschaftung. Ein städtischer Heidereiter (Förster) übernahm die Oberaufsicht, ein Meier führte den Wirtschaftshof und für die ratseigenen Herden waren Hirten und Schäfer eingesetzt. Die erste vollständige Bauernliste überlieferte eine Aufzeichnung aus dem Jahre 1581, in der elf Bauern namentlich genannt werden; Merten Günther, Simon Lehmann, Peter Zernikow, Lorenz Wegener, Jacob Worstmacher (der auch das Krugrecht besaß), Thomas Hilbrandt, Steffen Sachse, Bartholomäus Lehmann, Joachim Henkel, Peter Schröder und Hieronymus Wrist. Die sechs im Dorf ansässigen Kossäten werden nicht namentlich genannt.

Die Stadt Berlin war auch schon damals oft in Finanznöten und verpfändete das Rittergut oder Teile dessen an zahlungskräftige Herrn. So auch 1568, wo die Gemarkung gleich zweimal verpfändet wurde. Erst an den Berliner Ratsherrn Tile und dann an die Gebrüder Fahrenholz aus Summt. 1576 ging Renekendorp schließlich als Pfand an den Magister Simon Mellemann, weil der Rat von Berlin diesem 3000 Reichstaler schuldete. Mit inbegriffen waren der Viehhof und die Schäferei. Schon 1584 ist von einer weiteren Verpfändung geschrieben; das Hospital von St. Georgen in Berlin ist nun Eigentümer. Die vielen Besitzwechsel in Renekendorp brachten nicht nur Unruhe in den Wirtschaftshöfen, sondern auch Unsicherheiten waren täglich an der Tagesordnung. Renekendorp war das Stiefkind der Berliner Stadtgüter und das Verhältnis wurde nicht besser, es kam was kommen musste. Renekendorp wurde mit weiteren Berliner Stadtgütern verpachtet und dessen Selbstbewirtschaftung aufgegeben. Bis 1632 gibt es nur vereinzelte Daten in den Berliner Stadtrechnungen zu Renekendorp. Zu finden ist nur was Bauern und Kossäten an Abgaben zu leisten hatten, wer für seine besonderen Leistungen mit Bier- und Heringslieferungen entschädigt wurde. Im gleichen Jahr verkauft die Stadt Berlin das Dorf Renekendorp an den Handelsherrn Peter Engel, an dem das Dorf ebenfalls schon des Öfteren verpfändet war. Dies fiel inmitten der Zeit des 30jährigen Krieges, wo die Stadt Berlin wahrscheinlich für militärische Mittel viel Geld benötigte und der Krieg das Dorf so sehr schröpfte, dass es für die Stadt wertlos wurde. Renekendorp war dem Plünderungen und Drangsalen des "Dreißigjährigen Krieges" nicht entkommen. 1631 schreibt Renekendorp in seinen Mitteilungen an den Rat von Berlin; "Hier haben die Soldaten die Kornrechnung geführt und so Haus gehalten, daß nichts übrig geblieben. Vom Kälber=, lämmer= und Gänsezehnten und von der Abgabe von Pacht= und Rauchhühnern ist nichts in diesem Jahre eingekommen wegen großer Armut.". Am Tages des Johannis Baptistae 1632 (24. Juni) wurde der Kaufvertrag abgeschlossen, der wie folgt aufgestellt wurde; Vor solch Gut und Dorf samt zugehörigen perninentien zahlt und gibt der Käufer dem Rat 10.000 Thaler Kaufsumme dergestalt und also: Weil der Rat als Verkäufer den Mittel=, Uckermärkischen und Ruppinischen Städten mit 10.384 Thalern zinsbar Kapital verhaftet, so hat der Herr Käufer den Rat bey den gedachten Städten mit Ausantwortung etßlicher Obligationen welche der Städtekasse annehmlicher gewesen, auf die genannte Summe liberieret (d. h. von der Schuldsumme befreit) und derentwegen dem Rat von den Städten Quittung und zugehörige Cession eingeschafft.". Der Rat von Berlin erhielt bei dem Verkauf wegen seiner Schulden keinen einzigen Pfennig. Größter Streitpunkt bei dem Verkauf war der Grenzzug zum benachbarten Wedding, der ebenfalls Berlin gehörte und dessen Weideflächen gemeinsam genutzt wurden. Keiner wusste mehr wo der eigentliche Grenzverlauf war. Dies sollte in der Folgezeit noch einige schwer lösbare Auseinandersetzungen zur Folge haben. Denn mit Ende des "Dreißigjährigen Krieges" kam die Frage des Grenzverlaufs erneut auf den Tisch und begleitete das Dorf bis in das 18. Jahrhundert. Hervorgerufen wurde der Grenzstreit durch das ehemalige Rittergutsland "Nyenhofe", was sich mit dem Dorf Renekendorp verschmolz, Berlin aber dem Dorf dieses ehemalige Rittergutsland nicht zusprechen wollte.

Mit dem Kauf durch Peter Engel ging es im Dorf Renekendorp etwas aufwärts. Die Familie Engel war sehr bemüht um ihr erworbenes Gut. Die Bieselpfühle wurden in ertragreiche Fischteiche umgewandelt. Doch kamen immer wieder Rückschläge auf den neuen Besitzer zu. Der Gutshof brannte völlig nieder, nur die wichtigsten Gebäude konnten wieder hergestellt werden. Das Schicksal setzte dem kleinen Dorf auch weiter zu, die Ereignisse des "Dreißigjährigen Krieges" waren nachhaltiger als erwartet. Die Leiden wurden immer größer, die Bauern aus dem Dorf suchten in Berlin Zuflucht und ließen ihren Hof brach liegen. Die Felder wurden nur noch zum Teil bewirtschaftet und die wenigen gepachteten Wiesen an der Spree, wurden von marschierenden Truppen niedergetrampelt. Peter Engel hatte nicht viel von seinem jüngst erworbenen Gut, er starb 1638. Engels Ehefrau Ursula, Tochter des reichen Berliner Kaufmanns Leonard Weiler setzte sich weiter liebevoll für Renekendorp ein und stiftete für die Dorfkirche ein Altartuch mit der Inschrift; Ursula Weilers ao 1644. Viel Leben scheint in Renekendorp nicht mehr gewesen sein, der Hufenschoßregister wiest in den Jahren 1642 - 48 keine Einnahmen auf. Im Jahr darauf finden sich im Verzeichnis der Dorfbewohner folgende Namen wieder; Kuhhirte Robes Döring, Hirte Jochim Schmolmann, Bauer Matthias Schröder sowie die Kossäten Martin Kerkow, Thomas Lienemann, Andreas Großkopf und Paul Mollenhauer. Nach dem Tod von Peter Engel hatte sich dessen Schwiegersohn, der Kriegszahlmeister Johann Stellmacher , des Gutes angemaßt. Als das leibliche Kind Engels, Christian 1640 mündig wurde ersuchte er beim Kurfürsten Georg Wilhelm für sich selbst und seinen Geschwistern die Belehnung des Rittergutes.

Christian Engel selbst blieb nicht in Renekendorp sondern trat in die Kriegsdienste und wurde bald Rittmeister. Als er nach Renekendorp zurück kehrte bekam er obgleich Schwierigkeiten wegen einer Grenzverletzung. Und wie wir uns erinnern war die Grenze schon während der Kaufverhandlungen Streitobjekt gewesen. Rittmeister Engel jedenfalls hatte auf dem Renekendorper See "zu Eise gefischt" und um sich zu erwärmen ließ er einen Baum fällen lassen. Rats Heydenreuther ließ ihn darauf pfänden, weil der Baum auf dessen Grund und Boden stand. In finanzielle Schwierigkeiten geraten, weil er dem brandenburgischen Vizekanzler Andreas Kohl mit einer großen Summe verhaftet war verkaufte er das Dorf Renekendorp 1653 für 2000 Taler an den Selbigen mit einem Wiederkaufsrecht auf fünfzig Jahre. Rittmeister Engel behielt den Lehnsbesitz mit allen Lehnsrechten der Vizekanzler Kohl war der Nutznießer. Für den Verkauf wurde eine neue Bestandsaufnahme vorgenommen, wo auf Befehl des Kammergerichts die Berliner Ratsherrn Erdmannus Gießaeus und Martin Richter nach Renekendorp beordert wurden um die Taxe anzufertigen. Von den ehemaligen Gutsgebäuden war nichts mehr geblieben außer einer dach- und wandlosen Scheune. Die Felder waren zum Teil mit jungen Bäumen bewachsen. Über zwei Drittel der Bauernhöfe waren "wüste", Gebäude waren kaum vorhanden und von den sieben Kossätenhöfen waren fünf besetzt. Die aufgebaute Fischzucht hatte wieder nachgelassen. Schließlich wurde der Wert des Dorfes auf 4.554 Thaler und 4 Groschen festgesetzt. Die verbliebenen Bewohner wurden darüber informiert, dass sie aus den Pflichten Engels entlassen werden und wurden sogleich an den neuen Besitzer verwiesen. Die Einwohner mussten sich nun dem neuen Eigentümer "vermittelst Eydes verbündlich machen, darzu sie sich dann willig, ihre Pflicht abzulegen, schuldig erkannt". Von den Erben der Engels kam keiner zum Eigentümerwechsel.

Als Vizekanzler Kohl verstarb trat dessen Tochter Anna Margarete die Nachfolge vom Rittergut Renekendorp an. Diese war mit dem Konsistorialpräsidenten Dr. Kemnitz verheiratet und die wohl markanteste Persönlichkeit unter den Renekendorp Gutsbesitzern, energisch und streitbar. Mit ihrer Nachfolge begannen Streitfälle aller Art. Als erstes kam die zweifelhafte Grenzziehung aus der Übereignung an Peter Engel auf die Tagesordnung. Sie beschäftigte Kommissionen, Besichtigungen wurden angesetzt und Verhandlungen vor dem Kammergericht lösen einander ab. Mit dem Lehnschulzen lag die resolute Dame besonders gern im Streit. Dieser soll angeblich öfter ihre Grenzen verletzt haben, so dass sie ihm mehrfach dessen Kühe pfändete. Sie ließ sein Vieh sogar nach Wartenberg treiben und verweigerte trotz kurfürstlichem Befehl die Herausgabe der Kühe. Auch Tochter Maria Ursula setzte die zänkischen Streitigkeiten der Mutter mit einer Zähigkeit ohnegleichen mit dem Lehnschulzen fort. Der Bruder Heinrich Friedrich Remnitzblieb dabei im Hintergrund. Zusammengefasst hatten die Auseinandersetzungen keinen der Beiden etwas genützt. Sie schadeten eher dem Fortkommen Renekendorp's. Während alle umliegenden Landgemeinden dem Aufruf des Großen Kurfürsten folgten und den Wiederaufbau nach dem "Dreißigjährigen Krieg" betrieben verlotterte das Dorf zusehenst. Eine erneute Bewertung des Dorfes brachte zu 1688 Tage, dass nur drei Bauernhöfe und sechs Kossätenhofe besetzt waren. Die Felder wurden nur zum Teil ihrem Ursprung wieder zugeführt. Der Gutshof war noch immer wüst, das Dorf diente der Kemnitzfamilie nur als Objekt, welches ausgebeutet werden musste. Acht Jahre zuvor überließ Rittmeister Engel dem Rat Berlin sein Lehnsrecht, das er sich beim Verkauf auf fünfzig Jahre vorbehalten hatte. Nun erwarb Berlin das Recht das Dorf Renekendorp zurück zu kaufen. Anfang des 18. Jahrhunderts war es dann soweit, Berlin wollte sein Rückkaufsrecht in Anspruch nehmen, stieß aber auf einem weiteren Widersacher. Hofrat Andreas Erasmus von Seidel, der Renekendorp von den Kemnitzschen Geschwistern durch Erbgang erwarb bestritt die Berechtigung Berlins und versuchte das Verfahren um das Wiederkaufsrecht hinauszuzögern. So bot er sogar dem König das Gut zum Kaufen an nur um den Preis in die Höhe zu treiben. Es half dem Hofrat aber nichts, das Wiederkaufsrecht der Stadt Berlin wurde durch das kammergerichtliche Urteil bestätigt. Auch er wollte an dem Dorf nur verdienen, denn er selbst befand sich in einer finanziellen schlechten Lage. Dessen Tod im Jahr 1707 machte auch diesen Streitigkeiten ein Ende. Nach Seidels Tod trat seine Witwe Elisabeth Charlotte in die Verhandlungen mit der Stadt Berlin ein, die sich weiterhin als schwierig erwiesen. Auch die Witwe Seidels war teilweise kleinlich und die schwierige Erbschaftsfolge der Familie erleichterte das Fortkommen der Verhandlungen nicht. Mit viel Mühe hatte der Magistrat von Berlin den Rückerwerb von Renekendorp durchsetzen können, doch eine ungetrübte Freude hatte die Stadt an Renekendorp nicht.

Als Berlin 1710 das Gut zurück kaufte bekam sie die Quittung für jahrelange Misswirtschaft, das ansässige Bauernvolk war auffällig. Sie wollten sich ihren geschworenen Pflichten entziehen und das Magistratsgut ruinieren und der Magistrat versuchte als Grundherrschaft in Renekendorp aufzutreten. Es gab auch ein paar gute Anfänge um das Dorfleben für die Bewohner zu verbessern. Statt sich der Zukunft des Dorfes weiter zu widmen wurde Renekendorp sogleich an den Kaufmann Johann Caspar Pollborn verpachtet, der so verhasst war, dass dieser von den Dorfbewohnern auf seinem eigenen Hof verprügelt wurde. Ganze sechsundzwanzig Dorfbewohner waren an der Schlägerei auf dem Gutshof beteiligt. Da der Gutsbesitzer selbst nicht anwesend war musste sein Knecht die Prügel einstecken. Als Kaufmann hatte Pollborn ebenso wie seine Vorgänger nur ein Interesse an dem Dorf, das Größtmöglichste an Gewinne herauszuholen. Er hatte keinerlei Ahnung von der Landwirtschaft und so konnte auch keine engere Bindung zwischen ihm und dem Dorfbewohnern entstehen.

1716 wurde das Gut egalisiert (Bauern erhielten je 3 Hufen und die Kossäten je 1 Hufen), so dass alle Bauern bzw. Kossäten zu gleichen Teilen herangezogen werden konnten. Der Lehnschulze hatte 6 Hufen, der Pfarre 4 und das Rittergut hielt 10 Hufen. Ab diesem Jahr wurde das Gut durch den Lehnschulzen Jürgen und Martin Lienemann (Arrendatoren), Vater und Sohn, in Doppelstellung als Schulze und Gutspächter geführt. Vater und Sohn Lienemann standen mannhaft für die Rechte des Dorfes Renekendorp ein. Trotzdem waren der Magistrat und die Einwohner mit beiden nicht zufrieden. Wieder kam es zu Grenzstreitigkeiten zwischen dem Pächter des Vorwerks im Wedding Naucke und dem Lehnschulzen Lienemann. Es ging um das Hüttungsrecht auf dem ehemaligen Neuenhagenschen Feld. Gutspächter und Lehnschulze Lienemann ließ seiner Zeit das Flurstück vor der Magistratsheide roden auf der das Vorwerk Wedding Hüttungsrecht besaß. Es kam zu mehrfachen Zusammenstößen zwischen dem Weddinger Schäferknecht des Naucke und dem Knechten von Renekendorp. Dies eskalierte am 8. November 1729 derart, dass sich die verfeindeten Knechte auf dem Neuenhagenschen Feld blutig prügelten. Vor dem Kammergericht wurde der Streit für den Wedding entschieden. Das Renekendorpsche Vorwerk durfte den Fleck weder beackern noch besäen, auch wenn an den Furchen das frühere Ackerland zu erkennen ist und es dem Weddinger Vorwerk sowie den Berliner Ackerbesitzern zur gemeinsamen Hüttung liegen lassen. Dieser Entscheid verbesserte das Verhältnis zwischen der Stadt Berlin und Renekendorp nicht besonderlich. Die Bauern klagten über die Höhe der Abgaben und der Dienste, die sie leisten mussten. Das Dorf wurde aufsässiger. Sie bekamen zwar ihre Pacht erlassen, als es eine Heuschreckenplage, Schafsterben und ein Hagelschlag kam, aber als 1738 auf dem Ritterhof für den Arrendator ein neues Haus errichtet werden sollte verweigerten die Bauern dessen Baufuhren und meinten, dass sie zu diesen Diensten zu stark herangezogen werden. Die beiden Gerichtsschöppen, der Krüger Jacob Bruseberg und der Bauer Hans Jürgen Hausotter erschienen als Wortführer. Mit dem 30. August 1738 verfügte der Magistrat an seine Untertanen; "die zum Herrenhausbau daselbst benötigten Fuhren, sie mögen Namen haben, wie sie wollen, so oft der Gutsverwalter Lienemann solche verlangt, ohnweigerlich zu tun und leisten". Als die Dorfbewohner ihren Pflichten nicht nachkamen und der Magistrat dies zu Ohren bekam wurde auf dem Schulzengericht ein außerordentlicher Dingetag angesetzt, welcher einen ungewöhnlichen Verlauf nahm. Als der Bürgermeister Leßmann und Kriegsrat Thielo nachmittags um drei Uhr ankamen war das Angerdorf menschenlehr. Weder Schulze noch Dorfbewohner waren zu sehen. Nachdem sich ihrer fünf schließlich einstellten wurden diese eindringlich über ihrer Pflicht und Schuldigkeit belehrt. Sie sollten sich daher in Güte accomodieren (anbequemen) ihre Dienste durch Anfahren der Baumaterialien zu tun. Diese widersprachen, dass die Gemeinde außer Stande sei solche Burgdienste zu leisten. Weil die beiden Redelsführer Bruseberg und Hausotter mit Hartnäckigkeit und Widerspenstigkeit auf ihre Meinung bestanden wurden diese kurzerhand aufgehoben (verhaftet) und nach Berlin in Arrest gebracht. Am 8. September wandte sich die Gemeinde mit einem Schreiben an den Magistrat von Berlin;

"Da ein hochwohllöblicher Magistrat in dero Gut Reinickendorf anjetzo ein neu Gebäude erbauen wollen, so ist uns acht darin befindlichen Bauern von dem Herrn Bürgermeister Leßmann und Herrn Kriegsrat Thielo anbefohlen worden, dass wir die dazu erforderlichen Fuhren ohne eine Bezahlung oder Abnahme unserer Hofedienste verrichten sollen. Nun müssen wir ein jeder vor sich wöchentlich fünf Tage zu Hofe dienen und dabei auch alle anderen Abgaben, die an sich sehr schwer sind, entrichten, so daß wir von unserer schweren und sauren Arbeit kaum das liebe trockene tägliche Brot haben, welches unsere Herren leicht würden abnehmen können, wenn sie hochgnädigst konsiderieren (bedenken), daß wir großen Schaden am Getreide leiden durch das Wild, denn ehe wir solches in die Schonung bringen können, ist es bereits von demselben schon sehr abgefressen. Hierzu kommt noch, daß uns unser Vieh sehr dahin stirbt. Wäre es irgend noch in unserem Vermögen, solche Nebenfuhren zu übernehmen, wir wollen aus untertänigen Respekt vor unserer Obrigkeit nicht weigern. Da es uns aber schlechterdings unmöglich ist, also finden wir uns hochdringend genötigt, unseren Herren ganz deh- und wehmütig anzuflehen, sie wollen hochgeneigt geruhen und uns mit dieser unmöglichen Anfuhre gnädigst zu verschonen; sintemahlen wir solche schlechterdings übernehmen sollten, würden wir dadurch gänzlich ruiniert bleiben. Hiernächst, da wir keinen Schulzen haben, der vor uns spricht, so haben zwei von unseren Gerichtsschöppen die Unmöglichkeit dieser Sache vorgestellt, sind aber deshalb auf des Herrn Bürgermeisters Leßmann und Kriegsrats Thielo Vorrede mit viertäglichem Arrest auf dem Calandshof gebracht worden; wir bitten dann anbey ganz unterthänigst um gnädige Dimittierung (Entlassung) derselben, sintemahlen es doch Leute sein sollen und müssen, die vor eine Gemeinde ein Wort zum Besten reden. Wir getrösten uns gnädiger Erhörung, wofür wir verharren.

Unserer Herren gehorsamste Untertanen in Reinickendorf"

Als auch der Magistrat die Zwecklosigkeit des Arrestes einsah setzten diese drei Tage später eine Verhandlung an. Im Endresultat willigten die Bewohner ein die Fuhren zu leisten, während dessen die Lichtenbergischen Untertanen als Nachbarn helfen zu lassen. Dem Lehnschulzen Lienemann wurde noch aufgegeben seine Kossäten nach "proportion zu gedachten Dienst nicht weniger anzuhalten". Das Missverhältnis zog sich noch ein halbes Jahrhundert fort. Während der Amtszeit der Lienemanns schenkte Jürgen Lienemann der Renekendorpschen Kirche eine Kanzel, die zuvor in der Jerusalemer Kirche in Berlin gestanden hatte. 1740 gab Martin Lienemann die Pacht schließlich auf und die Stimmung im Ort besserte sich. Seine Nachfolger waren die Pächter Lüdersdorf, Kraatz, Springborn und Bergmann. Man hatte den Eindruck, dass Magistrat und Dorfbewohner ihrer Dauerfehde müde geworden waren. Die großen Auseinandersetzungen lagen nun hinter dem Dorfe.

Es gab aber auch Gutes aus dieser Zeit zu berichten. Mit der Rückübereignung des Rittergutes an die Stadt Berlin leitete sie neue Maßnahmen ein, so dass der Renekendorpschen See (Schäfersee) für die Nachwelt erhalten blieb. Es ist zu lesen;

"Der Reinickendorfsche See ist ganz allmählich zu räumen, sowohl vom Holze als vom schwemmenden Fenn; überdem muß oberhalb des Sees nach dem Bruche zu ein kleiner Graben 15 Ruten lang, oben 6 Fuß und unten 3 oder 2,5 Fuß breit, angefertigt werden, damit der Fisch, wenn er im Frühjahr austritt, sich wieder bei fallendem Wasser nach der See begeben kann. Sonst bleiben die Fische zwischen den Bülten stehen und können nicht wieder zurück in die See kommen und also den Raubvögeln zuteil werden. Dann wäre nötig, daß am Ende des Sees nach dem Bieselpfuhl oder Teich zu der alte noch befindliche Graben geöffnet würde, allwo ein >>Münch<< vor diesem angefertigt gewesen, damit das Wasser gefangen und abgelassen werden kann. Unterhalb dieses erwähnten >>Münches<< ist ferne ein alter Graben, welcher das übrige Wasser, wenn der gedachte Bieselteich abgelassen werden muß, bis in die Tegelschen Pfühle und Werfftbrüche leitet und ferner bis in die Havel fließen läßt. Der gedachte Teich oder Bieselpfuhl wäre wohl wert, etwas daran zu wenden weil er wegen des guten Bodens mir sehr wohl vorkommt, daß der Fisch gute Nahrung darin haben werde, im besonderen nachfolgende Sorten als Karpfen, Karuschen, Schley, Barse und Plötzen. Dann würde durch einen dergleichen Graben das umliegende Bruch zur Wiese viel reichlicher und zwar gedoppelt zu nutzen und zu gebrauchen sein, zumal wenn das unnötige, wenige Strauchwerk wieder abgeräumt würde.".

Der See begann durch die Vernachlässigung der Bewirtschaftung nach dem "Dreißigjährigen Krieg" zu verlanden. Die eingeleiteten Maßnahmen verhinderten das Zuwachsen des Renekendorp schen Sees, die Bieselpfühle konnten durch die eingeleiteten Maßnahmen nicht mehr gerettet werden.

Um Unklarheiten in den Grenzverhältnissen zu beseitigen hatte der Berliner Magistrat den Landvermesser Johann Christoffer Friemel beauftrag die Renekendorpsche Feldmark neu zu vermessen und eine Feldmarkkarte zu zeichnen. Heraus kam ein sehr ausführliches und wertvolles Hof- und Ackerregister, heute ein wertvolles Dokument für die Renekendorpsche Geschichte. Sie sind heute nicht nur die ältesten Urkunden sondern zeigen das noch in seinen mittelalterlichen Zustand. Wie schon beschrieben sollten die Grenzstreitigkeiten zum Wedding kein Ende finden. Als der König südlich des Sees für die Artillerie einen Schießplatz anlegen ließ. An der Exerzier/Granatenstraße im Wedding nahm dieser seinen Anfang und erreichte schnell das Hüttungs- und Ackerland von Renekendorp. Die Arrendatoren beschwerten sich über die Schmälerung ihres Gebietes und über die Schäden der darüber fahrenden Geschütze. Der Streit darüber ging in das 19. Jahrhundert hinein, bis die Gemeinde ihren Hüttungsrechten entsagte.

Das Verhältnis zwischen Magistrat und dem Dorf Renekendorp konnte nie richtig geklärt werden. Das zeigt auch, dass sich die Stadt Berlin entschloss das Gut den Bauern und Kossäten in Erbpacht auszutun. Die ständigen Streitigkeiten zwischen Magistrat als Gutsherrschaft und den Renekendorpschen bäuerlichen Untertanen benötigten einer dringenden Lösung. Die unleugbare Not der Bauern, sie konnten ihrer Zahlungsverpflichtungen nur durch Holzdiebstahl in den nahegelegenen königlichen und Berliner Forsten nachkommen. Es fehlten Zugtiere bei der Feldbestellung, die Felder waren mangelhaft gedüngt. Als hätten sie sich abgesprochen ergriffen die Gemeinde und der Magistrat fast gleichzeitig die Initiative zur Beseitigung der Missstände. Mit dem 18. November 1789 stellte der Magistrat in seinen Ausführungen fest; "Die Zeitpacht des Magistratspächters Springborn sei bald abgelaufen; durch die bisherige Zeitverpachtung des Magistratsrittergutes sei die Bauernschaft völlig ruiniert. Besonders fühlten sie sich durch die starken Hofdienste beschwert und dadurch, dass die Bauernfeldmark durch das Vorwerksvieh mehr als durch das Bauernvieh behütet werde. So könne die Gemeinde es nur als letztes Rettungsmittel ansehen, wenn sie selbst das Vorwerk in Erbpacht nähme und Äcker und Wiesen den 15 Bauern und Kossäten zu gleichen Anteilen gegeben werden. Die Zustände hatten sich so verschlechtert, dass der Pächter Springborn seine Pachtzeit vorzeitig abbrechen wollte. Der Magistrat stimmte dem Vorschlag der Gemeinde zu, die das Gut nun selbst in Erbpacht übernahmen. Am 1. Juni 1790 verfügte die Kriegs- und Domänenkammer mit Genehmigung des Generaldirektoriums an den Magistrat, genau auszumitteln, ob ohne Nachteil der Kämmereieinkünfte und zur besseren Erhaltung der Untertanen es möglich sei, den Vorwerksacker unter diese zu verteilen. Sie wollten sicherstellen, dass die Bauern mit der Bewirtschaftung nicht überfordert waren. Mehrfach musste sich der Magistrat von der Kriegs- und Domänenkammer rügen lassen. So schreibt die Regierung am 26. April 1793 an den Magistrat von Berlin; "Ihr seid, als Gutsobrigkeit und persona moralis, welche ihre ganze Existenz dem Staate zu danken hat, doch schuldig eher einen künftigen Gewinn zu verleugnen, als diesen auf Kosten der Gemeinde, oder was einerlei ist, auf Kosten des Staates zu verlangen". Am 2. Dezember 1794 schrieb die Kriegs- und Domänenkammer; "Der Zweck (Erbpachtung) ist die Verbesserung des Nahrungstandes der Untertanen, die unumgänglich nötig und durch einen anderen Weg nicht zu bewirken ist, und wozu ihr selbst (Magistrat) in dem Fall die Hände zu bieten verpflichtet seid, wenn damit eine Aufopferung der Kämmereiinteressen verbunden wäre.". Mit Datum 21. September 1797 wurde der Erbpachtvertrag abgeschlossen und mit Beginn des neuen Jahrhunderts von der vorgesetzten Behörde bestätigt.

Die Bauernfeldmark, das Ritterguts- und Vorwerksland, das Ackerland des Lehnschulzengerichts sowie dem Pfarr- und Kirchenland wurden zu einer neuen Feldmark und in drei Felder eingeteilt. Alle Bewohner waren gleichberechtigt und führten die Bewirtschaftung in der früheren Gemengelage fort und ebenfalls bestehen blieb die Behütung durch die Gemeindeherde. In die Erbpacht nicht einbezogen wurden die ehemalige Schäferei (Residenzstr. 109), das Vorwerksgehöft im Dorf, eine an der Panke gelegene Wiese und der Artillerieschießplatz des Königs. Die Schäferei wurde in zwei Büdnergrundstücke umgebaut, Vorwerkshof und Pankewiese wurden verkauft, dessen Erlös dem Untertanengebäude und zur Instandsetzung der Feldgräben Verwendung fand. Ausgenommen von dem Erbpachtsvertrag waren der Pfarrhof, die Kirche und der Küster. Die drei neuen Felder hießen Dalldorfer-, Schönhauser- und ehemaliges Vorwerksfeld. Die Fischerei auf dem Schäfersee blieb nun der Gemeinde vorbehalten. Das alte Vorwerk besteht nicht mehr, dessen Acker wurde abgetrennt und in Erbpacht gegeben. Mit dem Magistrat wurde ein jährliches Erbpachtgeld von 438 Reichstalern vereinbart, das sich später auf 462 erhöhte. Zusätzlich zur Pacht mussten die Erbpächter zu Martini einen Wipfel Roggen in natura liefern. Mit weiteren kleinen Nebenabgaben erhielt der Magistrat von Berlin von dem Angerdorf Renekendorp jährlich 500 Reichstaler, 15 Silbergroschen und 8 Pfennige. Weitere 100 Taler flossen aus dem im Jahre 1780 vererbpachteten Schulzengericht. Alle gutsherrlichen Rechte, insbesondere das Patronatsrecht blieben dem Magistrat erhalten. 1821 wurden die erst im Gemenge bewirtschafteten Ackerflächen und Wiesen der Ackerwirte wurden getrennt und unter Ihnen gleichmäßig aufgeteilt. Während dieser Zeit wurde von Fielitz eine Windmühle auf Hausotterschen Boden an der Straße zu Berlin (Residenz/Bernerstr.) gebaut. Sie stand später lange flügellos als Wahrzeichen von Renekendorp. Die Ablösung von der Stadt machte das Renekendorpsche Ackerland attraktiv als Spekulationsobjekt. Der Lehnschulzenhof ging schon 1832 für 8.000 Taler weg und schon 1870 brachte derselbe Hof nach weiteren Besitzerwechseln schon satte 29.000 Reichstaler durch den Bankier Eichhorn. Er war der erste, der Renekendorp parzellierte und weiterverkaufte. Den übrig gebliebenen Rest verkaufte er 1887 für schon 100.000 Reichsmark. Dessen Nachfolger verkaufte das Grundstück schon für das 4fache. Die restlichen gemeinschaftlichen Nutzflächen wurden 1834 aufgehoben. Die Gemeindeheide an der Dalldorfer Grenze wurde in die Separation eingezogen und abgeholzt. Einzig die Bullen- und Hirtenwiese blieb im Besitz der Dorfgemeinde. Bei den Umstruktuierungen des Dorfes nebst Ackerflur wurden auch gleich erste Wegänderungen vorgenommen. Eine Reíhe alter Wege auf der Feldmark wurden eingezogen, so z. Bsp. der Alte Pankower Holzweg und der Stegweg nach Rosenthal. Die vom Schäfersee zum Rosenthaler Thor führende Chaussee wurde 1849 ausgebaut. 1853 wurden schließliche die letzten Reste der früheren bäuerlichen Verhältnisse in Renekendorp beseitigt. Der Stadt Berlin zustehenden Realabgaben von 12.415 Reichstalern aus dem Erbpachtvertrag wurden von der Gemeinde Renekendorp abgelöst und somit war eine jahrhundertlange Tradition erloschen, die Beziehung mit Berlin war beendet.

Rathaus in Alt Reinickendorf 1913Wie schon berichtet hat in Reinickendorf eine neue Zeitrechnung begonnen. Waren die ehemaligen Bauern und Kossäten zuvor bei ihrem Gutsherrn abhängig, so konnten sie nun selbsständig wirtschaften und ihr Dorf als typisches Vorortdorf mit Ausflugsmöglichkeit mit Biergarten auszurichten. Auch wenn die Abhängigkeit zum Magistrat erloschen ist macht sich der Einfluss der Stadt Berlin weiter geltend. Der damalige Pfarrer berichtete 1842, dass sich erste städtische Bewohner in Reinickendorf niederließen. Trotz der neuen Zeit hat sich der Bestand der Gehöfte im Ort in den letzten hundert Jahren nicht verändert. Viele der Bauernhöfe werden nicht mehr landwirtschaftlich genutzt und dienen nunmehr als Spekulationsobjekt. Die bautätigkeit Richtung Residenzstadt Berlin lief auch unaufhaltsam an. Wie auch in den anderen Chroniken zu lesen platzte Berlin zu dieser Zeit aus allen Nähten und man suchte im Umland nach Bauland um Spekulationsbauten hochzuziehen. Die bildliche Dorfidylle begann sich langsam zu verändern. Das ehemalige Bauernland wird nicht mehr bewirtschaftet sondern wandelt sich in Parzellen, die nach und nach bebaut wurden. Dazwischen entstehen neue Straße und Plätze. Das ehemalige Berliner Kämmereidorf Reinickendorf übersprang regelrecht den Status als "Freie Gemeinde" und steuerte geradewegs zum Berliner Großstadtbezirk zu. Gerademal zwei Jahrzehnte konnte die dörfliche Idylle in alt gewohnter Weise weitergeführt werden, aber die neue Zeit kam unaufhaltsam auf Reinickendorf zu. Im Jahr 1872 kam die erste grundlegende Änderung in der Verfassung der Gemeinde. Reinickendorf wurde eigener Amtsbezirk durch die Einführung der Kreisordnung. Erster ehrenamtlicher Amtsvorsteher war Bauerngutsbesitzer Adolf Kuhn. Der Gemeindesäckel wurde in einen schweren Geldschrank und aus dem Schulzenknüppel der Anschlag am Gemeindehaus bzw. die amtliche Bekanntmachung im "Generalanzeiger". Amtssitz war das im Jahr 1885 errichtete Rathaus im alten Ortskern. Als dreistöckiger Backsteinbau mit mit einem prächtigen Festsaal im zweiten Obergeschoß wurde auf dem Gelände des ehemaligen Hirtenhauses errichtet. In dem neuen Rathaus befand sich nicht nur das örtliche Gefängnis sondern war auch Heimstätte für die Armen. Den städtischen Charakter im Ortskern symbolisierte man mit eine öffentliche Bedürfnisanstalt, oder wie der Berliner sagt "Café Achteck".

Zum kleinen Gesellschaftshaus ProvinzstraßeMit der Gründerzeit explodierte die Stadt Berlin regelrecht. Wie Pilze schossen die Gründerzeitbauten aus dem Boden, dabei war Reinickendorf gar nicht mal so interessant für die Berliner. Lag doch unmittelbar davor der Arbeiterbezirk Wedding und der beliebte Vorort Pankow. Reinickendorfs südlichster Zipfel war spitz und lag zwischen den Vorstadtbahnhöfen Schönholz und Wollankstraße. Nach Reinickendorf zog über den Wedding und Gesundbrunnen ein sogenanntes "verwegenes Geschlecht", welches manchmal bei seinen leidenschaftllichen Äußerungen über die hiesige Gemeindeverwaltung vors Gericht landete. Sehr bekannt war damals der Reinickendorfer "Trockenwohner", welcher eine neue Wohnung bezog und sie nach einem Vierteljahr ohne Mietzahlung mit Hilfe der "Rückkompanie heimlich verließ. Das Problem war der Zuzug der allerärmsten Bevölkerung aus Berlin. Dieser bescherte der Gemeinde keinen soliden Haushalt sondern ein sattes Minus. Und wieder waren sie wie in der Zeit zurückversetzt, als sie vom Magistrat in Berlin abhängig waren. Obwohl die Leistungsfähigkeit der Gemeinde durch den Zuzug der überaus armen Bevölkerung Berlins sehr gering war, stellte der Staat durch seine neue Gesetzgebung an die Gemeinden die höchsten Anforderungen. Die Bebauung erfolgte auch nicht planmäßig von der Stadt kommend, sondern überall verstreut bildeten sich kleine Stadtteile, die erst nach und nach zusammenwuchsen. Bezeichnend für die Zeit ist die die Lettekolonie in der Nähe der Alten Schäferei. Dort entstanden nach englischem Muster kleine Land- und Gesellschaftshäuser. Viele Pferdehändler fanden hier ihr Domizil, weshalb die Siedlung zwischen Reginhard- und Provinzstraße auch "Reinickendorfer Scheunenviertel" genannt wurde. Am Schäfersee wurde eine Badeanstalt gebaut. Ebenfalls dort ließ sich ein Werk zur Eisgewinnung nieder und belagerten den See mit ihren großen Eisschuppen. Im südwestlichen Teil ließen sich zahlreiche Kirchengemeinden mit ihren Friedhöfen nieder, welche sich zu einem großen Areal entwickelten. Mit dem Tod des letzten ehrenamtlichen Amtsvorsteher 1884, Bauerngutsbesitzer Wilhelm Schwartz wurde der erste besoldete Beamte als Bürgermeister von Reinickendorf eingesetzt. Es war Friedrich Wilke, der danach fast 40 Jahre bis zur Eingemeindung zur Stadt Berlin die Geschicke von Reinickendorf leitete. Vermögend vollendete die Gemeinde Reinickendorf ihren Weg vom märkischen Angerdorf zum 20. Großstadtbezirk von Groß Berlin im jahr 1920. Nun waren sie wieder an dem Punkt angelangt, wo sie ihre eigene Selbstständigkeit verloren und nun mit einem Sitz in der Bezirksverwaltung vertreten waren.

Im Jahr 1877 wurde Reinickendorf an das Verkehrsnetz der Nordbahn Richtung Oranienburg/Hennigsdorf angeschlossen. Der Bahnhof lag aber an der Grenze zu Pankow in Schönholz, östlich gesehen vom Angerdorf. Ein weiterer wurde nördlich des Angedorfes eingerichtet und befand sich an der Grenze zu Wilhelmsruh auf der Oranienburger Strecke sowie der Bahnhof Alt-Reinickendorf, nordwestlich des Dorfangers auf der Hennigsdorfer Strecke.

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