"Ich halte alle Menschen so lange für verdreht, bis ich unzweifelhafte Beweise des Gegenteils habe"
Am 28. November 1839 kam Emanuel Mendel in Bunzlau in Niederschlesien zur Welt. Der jüdische Arzt, Wissenschaftler, Lehrer und Kommunalpolitiker
Emanuel Mendel engagierte sich zunächst als Arzt und Geburtshelfer. Nach seinem Staatsexamen und Dissertation in Berlin über ein Epilepsiethema
begann Mendel seine praktischen Kenntnisse in einer Arztpraxis von Pankow. Als junger Arztkollege arbeitete er in der Praxis von Dr. Eduard Heymann
in der Breiten Straße 46. Durch das Vertrauen der Patienten an den jungen Arzt Mendel übertrug Dr. Heymann ihm die Praxis in den Wintermonaten. Nach
schwerer Erkrankung von Dr. Eduard Heymann übernahm nun der junge Arzt Mendel die Praxis 1864 und betreute Patienten in 22 der umliegenden
Landgemeinden im Barnim. Neunundzwanzigjährig gründete er 1868 unter größten Schwierigkeiten eine Klinik für Nervenkranke in der Pankower Breiten
Straße 18/18a ein und besuchte seine Patienten stets zu Pferde. Zu der Zeit gab es in Pankow schon viele Nervenheilanstalten, wo so genannte
"Irre" nur weggesperrt, aber nicht behandelt wurden. der Psychiater Emanuel Mendel forderte von seinem Personal stets einen würdigen Umgang
mit seinen Patienten/innen zu pflegen. Aus einem Auszug der "Hausordnung für die Heilanstalt zu Pankow" ist zu entnehmen; "Vor
allem Anderen hat sich das Wartepersonal den Kranken gegenüber der größten Freundlichkeit, Geduld und Schonung zu befleißigen. Mit Milde wird bei
Geisteskranken weit mehr ausgerichtet, als mit harten Worten. (...) Es darf nicht vergessen werden, daß die in der Anstalt befindlichen Kranken zum
größten Theil in der Welt eine sehr achtenswerte Stellung eingenommen und nur durch das Unglück ihrer Krankheit in die jetzige Lage gekommen sind;
es ist deshalb auch die Bezeichnung "Herr", "Frau" u. s. w. den Namen vorzusetzen, und sind die Kranken nicht mit "er",
"sie" oder nur mit ihrem Familiennamen anzureden.".
Mit großem Fleiß sowie Ausdauer hospitierte Mendel bei Virchow und Griesinger, habilitierte 1873 für Psychiatrie und Nervenheilkunde in Berlin,
bevor er ab 1884 an der Universität Berlin lehrte. An dieser Universität bekleidete Mendel eine außerordentliche Professur und wurde zum Direktor der
Universitätseigenen Nervenheilanstalt berufen. Mit Emanuel Mendel wurde Grundlegendes auf dem Gebieten der Hirnanathomie und der Psychiatrie erreicht.
Er befasste sich mit der Erforschung und Therapie der progressiven Paralyse, der Manie und der Epilepsie. In übersichtlichen Darstellungen verfasste
er Arbeiten aus der Gehirnanatomie, die er auch mit Erfolg in seinen Vorlesungen behandelte. Sein bekannter Ruf führte ihn bis an den russischen
Zarenhof, wo er zu einer Behandlung gerufen wurde. Seine Vorlesungen über die "Zurechnungsfähigkeit von Menschen" wurde von Juristen und
Medizinern mit völlig überfüllten Hörsälen angenommen.
Als Mitglied der Fortschrittspartei gehörte er dem Niederbarnimer Kreistag an und war zwischen 1877 - 1881 in zwei Wahlperioden Abgeordneter des
Reichstags. Wenn es um den Etat des Reichsgesundheitsamtes ging war Emanuel Mendel stets regelmäßiger Redner und sprach über Fragen der
Volksgesundheit. Aus seinen Thesen entwickelte sich die Gesetzgebung für die psychiatrische Tätigkeit. Emanuel Mendel wandte sich gegen eine
Trennung von Psychiatrie und Neurologie und bemühte sich um die Einbeziehung naturwissenschaftlicher Methoden für sein Fachgebiet. 1882 gründete
Emanuel Mendel das "Eurologische Centralblatt" und förderte damit die psychiatrisch - neurologische Literatur. Sein Kollege Freud, der
1886 in der der Privatklinik in Pankow nervenkranke Kinder untersuchte publizierte oft in dessen Fachblatt. Grundlegende Werke, die noch heute in
der Medizin genutzt werden stammten von Mendel. Zu seine Hauptwerken zählen die "Progressive Paralyse der Irren" (1880),
"Die Manie" (1881), große Teile der "Eulenburg'schen Realencyklopädie" und "Die Geisteskranken" im Entwurf des
Bürgerlichen Gesetzbuch für das Deutsche Reich (1889). Um die Jahrhundertwende war er Mitherausgeber des "Jahresberichts über Leistungen und
Fortschritte auf dem Gebiet der Neurologie und Psychiatrie. Emanuel Mendel war auch Vorstandsmitglied des Hilfsvereins für jüdische Studierende in
Berlin. 1884 bekam er die Ernennung zum Professor mit Lehrauftrag für Psychiatrie und Neurologie sowie für forensische Psychiatrie. In der Berlin -
Brandenburgischen Ärztekammer war Emanuel Mendel ebenfalls als aktives Mitglied tätig.
Mit seiner Frau Susanne und den beiden Söhnen Kurt und Fritz sowie den Töchtern Gertrud und Charlotte bezog Mendel das 1893 gekaufte Grundstück in
der Breite Straße 44. Emanuel Mendel arbeitete auch aktiv im Pankower Bürgerverein mit. Anlässlich der Eröffnung des von ihm initiierten
Krankenhauses in der Galenusstrasse im Jahre 1906, verlieh ihm der Kaiser den Titel "Geheimer Medizinalrat". Darüber hinaus initiierte
Mendel den Bau des ersten Pankower Wasserwerkes, indem er für den Bau des Wasserwerkes eigene Grundstücke stiftete. Seine Pankower Anstalt übertrug
er anderen Kollegen und förderte dessen Weiterführung als Ausbildungsanstalt für Nervenärzte und Forscher. Sein Sohn Kurt war einer dieser jungen
Ärzte, der in der Anstalt des Vaters sein Handwerk erlernte.
Als Hochschullehrer setzte sich Mendel bis zu seinem Tode für die Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Psychiatrie und Nervenheilkunde in
Preußen ein. Am 23. Juni 1907 verstarb der Geh. Medicinalrath Professor Emanuel Mendel nach längerem Leiden. Sein arbeitsreiches Leben war nun zu
Ende. Seine aufopfernde Arbeit kam nicht seinen Patienten in der Klinik zu Gute, sondern sein Nachruf spricht von einem Arzt, der nach seinen
Arztbesuchen statt Honorar zu erhalten noch Geld zurück ließ, so dass sich die Patienten Medizin kaufen konnten. Vom frohem Wesen mit Humor und
Geist durchtränkt war er ein Freund von Geselligkeit, stets entgegenkommend und und natürlich. Zahlreiche Auszeichnungen erhielt Mendel von der
Medizinischen Fakultät und der Berliner Universität, er war medizinischer Sachverständiger der Gemeinde Pankow und anerkannt durch sein Engagement,
in welches sehr oft eigene Mittel flossen. Für seine großen Verdienste kam ihm als einziger Pankower Bürger die Ehre zu Teil im großen Saal des
Pankower Rathauses aufgebahrt zu werden. Sein Grab befindet sich auf dem Urnenfriedhof in der Gerichtsstraße (Wedding).
Eine nach seinem Tod hinterlassene Stiftung für hilfsbedürftige Patienten wurde schon im ersten Weltkrieg aufgebraucht. Die im Jahre 1911 vor dem
Krankenhaus in der Galenusstraße aufgestellte Büste fiel 1935 dem Antisemitismus der Nazis zum Opfer. Im Bezirk Pankow trägt bereits eine Straße
seinen Namen. Im Jahr 2003 bekam der jüdische Arzt eine weitere mannigfaltige Ehrung. Am ehemaligen Wohnhaus der Familie Mendel in der Breite Straße
44 wurde durch die Kulturstadträtin Almuth Nehring Venus (PDS) und dem Freundeskreis der Chronik Pankow e. V. eine Gedenktafel eingeweiht.