Filmmetropole Weißensee

Das Cabinet des Dr. Caligari

An der Weißenseer Spitze erinnert heute der Caligariplatz an die einstige Zeit des Films in Weißensee. Namhafte Filmproduktionsfirmen aus Friedrichstadt (Friedrichsstraße) bevorzugten Weißensee für ihre Arbeit und verließen ihre engen Dachstudios in Berlin. Große Regisseure, wie Robert Wiene, Joe May, Harry Piel und Fritz Lang   machten Weißensee zu einer bekannten Filmadresse. Große Abenteuer- und Detektivfilme, soziale Dramen und Liebeskomödien entstanden in dem kleinen Vorort von Berlin. Auch in ein neues Genre, dem Monumentalfilm gab man in Weißensee einen Platz, auf der ehemaligen Trabrennbahn in Weißensee ging das alte Rom unter. Weißensee hat in der Zeit der Kinematographie eine hohen Stellenwert erlangt und wird stets mit der Stummfilmzeit genannt. Die Deutsche Vitascope Gesellschaft mbH zog nach Weißensee und nahm im Herbst 1913 in der Franz Joseph Straße (Liebermannstraße/Ecke Berliner Allee) ihre Arbeit auf. Ihr Büro befand sich in der Kreuzberger Lindenstraße, in der schon der Platz begrenzt war. Mit dem Film "Der Andere" feierte sie 1912 erste Erfolge. Für den Film "Die Pest von Florenz" verwandelte sich das Grundstück in der Franz Joseph Straße 9 in einen Marktplatz von Florenz. Für "Das indische Grabmal" mussten Tempel, Paläste und tropische Gärten errichtet werden. Kurze Zeit später folgte 1914 die Pathé Fréres & Co. GmbH.

Das Cabinet des Dr. Caligai Durch die fehlende Konkurrenz aus dem Ausland stiegen die deutschen Produktionen. So entstand unter anderem der Filmklassiker "Der Hund von Baskerville" unter der Regie von Meinert. Der Sensationsfilm "Die braune Bestie" wurde von Harry Piel inszeniert, die Welt ohne Männer" mit Madge Lessing sowie die Komödie "Das Paradies der Damen" und die erfolgreiche Komödie "Die blaue Maus" inszenierte Max Maack. Henri Etié-vant drehte mit den dem berühmten Tenor Einar Linden und mit Gertrud Arnold den Film Pauline.

Die noch junge Industrie des Films bot vielen Talentierten einen Weg auf die Leinwand oder hinter den Kulissen. Der 24jährige Karl Freund, der an der Seite von Axel Graatkjaer sein Handwerk erlernte und bei eini-gen Filmen die Asta Nielson fotografierte fand seinen Weg als Operateur in "Der Hund von Baskerville". Später zählte er zu den großen Namen des deutschen Stummfilms.

Erste Veränderungen kamen mit Beginn des ersten Weltkrieges, als französische Koproduktionen mit der Pathé Fréres auf Eis gelegt wurden. Nach ersten patriotischen Produktionen, wie "Es braust ein Ruf wie Donnerhall" oder "Unser Kaiser - unser Stolz" wechselte die Filmbranche das Genre und setzte auf "Ablenkung". Das Volk sollte bei Laune gehalten werden, die Menschen sollten sich amüsieren und die Tragödien des Ersten Weltkrieges an der Kasse des Kinos lassen. Mit der Fortsetzung von dem "Hund von Baskerville" im Herbst 1914 ging man mit dem Streifen "Das einsame Haus" in die Union Theater. Richard Oswald, der auch schon das Buch zum ersten Teil schrieb war selbst Schauspieler und durchwanderte zuvor zahlreiche Provinztheater in Österreich und Deutschland. Der dritte Teil "Das unheimliche Zimmer", geschrieben und inszeniert von Oswald fiel der der kaiserlichen Zensur während der Dauer des Krieges zum Opfer. Mit Jules Greenbaum kam 1915 die Greenbaum - Film GmbH nach Weißensee. Unter ihr fungierte Richard Oswald als Chefregisseur. Werke, wie "Und wandern sollst du ruhelos" und "Die verschleierte Dame" entstanden, die seine Popularität in der Filmindustrie steigerten. Später entstand das Werk "Hoffmanns Erzählungen unter eigener Produktion und Regie. Sein letzter Film in Deutschland "Ein Lied geht um die Welt" entstand 1933, bevor er als Jude das Land verlassen musste und über Umwege nach Hollywood kam. Nach dem 2. Weltkrieg kam er nach Deutschland zurück und verstarb 1963 in Düsseldorf. Im Jahr 1915 entstand auch ein Klassiker aus der Horror Literatur, das Buch von Gaston Lerouxs "Phantom der Oper" wurde erstmals verfilmt. Die Uraufführung fand am 26. Mai 1916 statt. Zu den großen Schauspielern der Greenbaum - Film GmbH zählte Albert Bassermann, seinerzeit größter deutscher Schauspieler zählte er fast zu den Filmpionieren durch seine Mitwirkung im Streifen "Der Andere". Seinen Ruf verdankte er aber seiner Arbeit als Bühnenschauspieler, denn seine schauspielerische Tätigkeit beim Film war für ihn weniger erfolgreich. Trotzdem kam es ein 1916 zu einem Vertrag mit der Greenbaum GmbH über mehrere Produktionen ab, die mit dem ersten in Weißensee mit Bassermann gedrehten Film "Du sollst keine anderen Götter haben" begannen.

Die Continental Kunstfilm GmbH, hatte vorher ihren Sitz in der Chausseestraße hatten und für die ersten Stuart - Webbs - Filme bekannt war. 1915 begannen in Weißensee die Dreharbeiten von Webbs Abenteuern unter neuer Adresse. Joe May, einst Regisseur der Continental lag während dieser Zeit im gerichtlichen Streit mit der Continental, weil er mit Schauspieler Ernst Reicher eigene Stuart Webbsfilme drehen wollte. Der erste Weltkrieg unterbrach den Rechtsstreit, weil Joe May an die Front berufen wurde, aber nach wenigen Wochen wieder zurückkehrte. Nun stand May vor der Frage, wie seine Zukunft in der Filmindustrie aussehen könnte. Schließlich erfand Joe May einen neuen Dedektiv (Joe Deeps), englischer Abstammung und die Konkurrenz zu den erfolgreichen Stuart Webbsfilmen. Der erste produzierte Film hieß "Das Gesetz der Mine", in der Max Landa den Joe Debbs spielte. Spätere Darsteller des Detektivs waren Carl Auen, Curt Goetz und Ferdinand von Alten. Ernst Reicher gründete ebenfalls ein eigen Filmproduktionsfirma Reicher & Reicher. Auch er drehte im gleichen Jahr und in der Franz - Joseph Straße von Weißensee erste Filme, wie "Der gestreifte Domino", "Die Toten erwachen" und "Das Mitternachtsschiff". Schon 1919 wurde der 26. Streifen der Stuart Webbs Reihe in Weißensee abgedreht. Mit dem Titel "Die Launen des Glücks" sollte es der letzte Film von Reicher & Reicher sein, bevor die Filmgesellschaft nach München zog.

Mit Kriegsende wechselte die Filmbranche in die Welt des Illusionskino und in Weißensee werden riesigen Kulissen gebaut, um die Filmtrilogie "Veriatas vincit" zu drehen. Die große Schauspielerin Marlene Dietrich debütierte hier in ihrem Film "Die Tragödie der Liebe" vor einer Filmkamera. Wichtige Werke des frühen deut-schen Kinos entstanden in Weißensee. So auch der durch die Decla Filmgesellschaft Holz & Co produzierte Stummfilm "Das Cabinet des Dr. Caligari", dessen schauspielerische Darstellung und die verwendete Kulisse das Werk zum berühmtesten Stück expressionistischer Filmkunst machte. Mit der Aufführung in New York erlangte der in Weißensee produzierte Film Weltruhm und avancierte zum meistdiskutierten Filmwerk seiner Zeit. Nach dem Ende der Weltwirtschaftskrise ging das Kapital für aufwendige Filmproduktionen zu zwei Drit-tel zurück. Einige Produktionen mussten schließen, andere taten sich zusammen und der Standort Weißen-see stand nunmehr zur Disposition. Mit der Machtübernahme durch die Nazis kam noch hinzu, dass Schauspieler, Regisseure und Autoren das Land freiwillig oder auch unfreiwillig verließen. Trotz der schwie-rigen Umstände für den Standort in Weißensee entstanden noch wertvolle Produktionen.

Anfang des 21. Jahrhunderts soll nun die ehemalige Filmstadt Weißensee an die vergangene erfolgreiche Arbeit der Filmemacher in Weißensee erinnern. 2001 wurde beantragt den Platz an der Weißenseer Spitze in "Caligariplatz" zu benennen. Der bis dahin namenlose Platz an der Spitze der zueinander verlaufenden Straßen Prenzlauer Promenade und Heinersdorfer Straße sollte den Namen der Hauptfigur aus dem berühmten expressionistischen Film von Robert Wiene "Das Cabinet des Dr. Caligary" tragen. Hierzu wurde ein Wettbewerb ins Leben gerufen, wo sich Studenten der Kunsthochschule Weißensee, der Universität der Künste und der TU Vorschläge für die Gestaltung des künftigen "Caligariplatz" einreichen sollten. Das ehemalige alte Kino Delphi aus der Zeit des Films in Weißensee sollte den passenden Rahmen für die Präsentation der eingereichten Arbeiten bieten. Zum Veranstaltungsauftakt wurde der Stummfilm mit Klavierbegleitung in dem seit 1959 nicht mehr bespielten Filmkunsthaus gezeigt. Viele gelungene Projekte wurden vorgestellt, dessen Auswahl auch sichtlich schwer viel. Schließlich wurden die besten Arbeiten ausgewählt und prämiert. Am 17. Juni 2002 war es dann soweit, der Platz wurde der Platz vor der Brotfabrik in "Caligariplatz" benannt. Fünf Tage später wurde zur Feier der Benennung auf dem Platz der Film "Das Cabinet des Dr. Caligary" auf einer Wasserleinwand uraufgeführt. Am  7. September des gleichen Jahres wurden dann die neuen Schilder für den Platz durch den Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung Martin Federlein feierlich enthüllt. Die beiden Siegerinnen aus dem Wettbewerb für die Gestaltung des Caligariplatzes waren Susann Becker und Kerstin Gehring von der Technischen Universität Dresden. Ihr Entwurf, ein verzehrtes Schachbrettmuster, war eine Inspiration aus dem expressionistischen Carigalifilm mit einem Netz aus sich kreuzenden Linien. Mit zwei verschiedenfarbigen Steinen wurde auf dem Platz 2004 der Entwurf der Siegerinnen nur teilweise umgesetzt, denn die im Projekt enthaltene Lichtgestaltung, Sitzbänke und Blumenarrangements wurden gestrichen.

Schon bevor Weißensee für die Filmkunst entdeckt wurde reihten sich zahlreiche Kintopps zu einer Meile um die Berliner Allee. Zu den ältesten der Stadt zählt heute noch das Kino Toni am Antonplatz. Weitere waren das Delphi in der Gustav Adolf Straße, das Anton, das Antonia, das Berolina, das Harmonie Lichtspieltheater, das Rio und Universum. In der Berliner Allee14 betrieb Hedwig Birke ein Einrichtung für kinematographische Vorstellungen, in der Berliner Allee 193 war es ein Herr Richter und in der Straßburger Str. 69 war es Winddorf der ebenfalls kinematographische Vorstellungen gab. Einzig übrig geblieben ist das Toni am Antonplatz, welches 1919 im Auftrag der Bauherren Czutzka & Co nach Plänen des Berliner Kinoarchitekten Max Bischoff und Fritz Wilms bauten. Erste Nutzer waren die Universum Film AG, die in den Anfangsjahren Stummfilme vorführten. Im zweiten Weltkrieg wurde es neben weiteren Gebäuden am Antonplatz stark beschädigt. Erst 1948 konnte es wieder nach einer Enteignung und Umstellung auf Tonfilm als "Toni Filmbühne" eröffnet werden. Bis 1979 als Privatbesitz geführt, musste es baupolizeilich gesperrt werden bis der Pächter schließlich aufgab. Von nun ab übernahm der Magistrat von Berlin das Kino und eröffnete es nach umfangreichen Sanierungsarbeiten im Jahr 1982. Das erste große Kinosterben in Weißensee wurde durch die im Januar 1913 erhobene "Lustbarkeitssteuer" ausgelöst.