Meierei Bolle

Bolle, Bolle, bim, bim ,bim

Das Lied zu "Bolle reiste jüngst zu Pfingsten..." entstand zu jener Zeit, als Pankow noch weit vor den Toren Berlins lag und allwöchentlich beliebtes Ausflugsgebiet war. "Bolle, Bolle, bim bim" sangen die vielen Berliner Straßenkinder wenn die Bollekutsche mit der frischen Milch um die Ecke bog. Das Lied zu Bolle war ein Schwanklied, welche in Berlin um die Jahrhundertwende weit verbreitet waren. Nicht nur in den Lokalitäten sang man die Lieder sondern auch der Leikastenmann hatte die Weise in seinem Repertoire. Der Text des Liedes erzählt in Auszügen von einem typischen Feiertagsausflug in den Berliner Vorort Pankow, steht aber nicht im Zusammenhang mit dem berühmten Berliner Lebensmittelhändler, der seine Geschichte als umherfahrender Milchmann begann. Der Milchmann in der weißen Pferdekutsche, die jeden morgen um sechse über das Berliner Pflaster klapperte und seine Bimmel schwang. Was den Berliner Gören da in den Schlund gekippt wurde, war schon von Beginn an mit Mutterwitz gewürzt. Die milch gab es für einen Groschen, Erziehung gab es gratis obendrein

Bolle, Bolle, bim, bim, bimCarl Andreas Julius Bolle erblickte am ersten Tag im September des Jahres 1832 im brandenburgischen Milow an der Havel das Licht der Welt. Bolle war sechstes Kind eines Holz- und Steinhändlers. In der örtlichen Schule wurde Bolle vom Kantor unterrichtet, Latein erlernte Bolle beim Pastor. So war es nicht verwunderlich, dass der kleine Bolle eigentlich selbst Pastor werden wollte. Weil er dies mangels Abitur nicht werden konnte, schlug er eine völlig andere Laufbahn ein. So ging er im naheliegenden Rathenow in die Lehre als Maurer und lernte unter Anderem das Bauzeichnen und -kalkulationen zu erstellen. Als Bolle seine Lehre beendete zog er in das wilhelminische Berlin, wo er als Maurer seinen Lebensunterhalt verdiente. Auf dem Friedrich Wilhelm Gymnasium und der Baugewerkschule bildete sich Bolle weiter und gründete nach erfolgreicher Meisterprüfung sein eigenes Baugeschäft. Das erste Haus baute Bolle 1861 und die Folgejahre sollten für den Bauunternehmer hilfreich sein, denn die Gründerjahre bescherten den Bauunternehmern das "Große Geschäft". Mit Geldern aus Erbschaften und von Geldgebern erwarb Bolle freie Grundstücke und bebaute diese mit Gründerzeitbauten. Bolle häufte als Bauunternehmer ein beträchtliches Vermögen an bis es zum Gründerzeitkrach Mitte der siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts kam. Nun versuchte es Bolle mit Fischhandel und gründete am Lützowufer eine Fischhandlung. Aber hier sollte Bolle kein Glück haben, denn einige Fischlieferungen kamen zu spät und Bolle verkaufte den nicht mehr ganz frischen Fisch trotzdem. Die Gewerbepolizei schritt ein, es brachte Bolle fast an den wirtschaftlichen Ruin. Er ging vom Fischhandel in die Eiswirtschaft über und begründete die "Norddeutsche Eiswerke". Da es damals noch keine Kühlschränke gab, war das Eis, welches an vielen Berliner Seen im Winter erzeugt und in Berliner Eiskellern verbracht wurde. An seiner Baumschule (Lützowufer 31) weideten seiner Zeit Bolle's eigene Kühe, die als Düngerlieferanten fungierten. Diese hatten aber auch ein "Abfallprodukt Milch". In einer Milchbar vor Ort wurde diese Milch zuerst verkauft. In der Folge liefen dann Milchmädchen mit milchkannenbestückten Bollerwagen durch die Nachbarschaft und verkauften die Milch von Bolle's Kühen. Über diesen Weg kam Bolle schließlich zur Milchwirtschaft.

Bolle's erster Milchwagen in BerlinZur Rettung der vielen kranken Säuglinge startete die Berliner Sektion der "Deutschen Gesell-schaft  für öffentliche Gesund-heitspflege", sowie der "Gesell-schaft zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit 1878 eine Initiative zur Verbesserung der Milch. Der Appell richtete sich speziell an landesweite Molke-reien, die saubere Kuhställe einrichten sollten. 1881 gründete Carl Bolle seine eigene Molkerei "Provincial Meierei C. Bolle" in Albrechtshof, ein Mustergut auf dem hygienisch einwandfreie Säuglingsmilch erzeugt werden konnte. Im Preis war sie teurer als vergleichbare marktübliche Konkurrenzprodukte, so dass die reinere Milch nur einem bestimmten gehobenen Personenkreis zugänglich war. In der armen Bevölkerung, wo die Säuglingssterblichkeit höher war musste weiterhin die mit problematischen Werten behaftete Milch geben werden. Um die Jahrhundertwende entsprachen ein Drittel der untersuchten Milchproben nicht den hygienischen Vorgaben.

Bolle Meiereihof in Alt MoabitAm Anfang mit drei, von Pferden gezogenen Milchwagen zog Bolle durch die morgendlichen Straßen Berlins und kündete mit seinen Handglocken die Ankunft des Milchwagens an. Dies erfreute die Berliner so sehr, dass Bolle sein Unternehmen trotz stetiger Widrigkeiten bzw. Neider weiter ausbauen konnte und so zu seinem zunehmenden Erfolg kam. Schon ein Jahr später lieferte Bolle täglich 24.000 l Milch in der Stadt aus. In Alt Moabit an der Spree erwarb Bolle 1887 die Grundstücke 98 - 103, auf dessen er seine neue Meierei und eine Milchverwertungsfabrik errichten ließ. Dort waren auch Stallungen, Wagenremisen und Werkstätten vorhanden, auf dem Hof reihten sich die Pferdefuhrwerke aneinander. Bolle brachte mit seinen über hundert Milchwagen auf vorgegebenen Routen über 40.000 Liter frische Milch an über dreitausend Haltestellen der Stadt. Entgegen seiner Praxis aus dem Fischhandel ließ Bolle die Milch bakteriologisch untersuchen und setzt sich auch für die Lebensmittelhygiene stetig ein. Den Erfolg bescherte Bolle im Wesentlichen seinem Vertriebssystem. Die Kunden kannten die genauen Haltestellen und Ankunftszeiten, hatten sie dies einmal vergessen, so erinnerte sie die Bollebimmel daran. Bolle nutzte dabei nicht nur eine Marktlücke aus, sondern trug mit seinem Geschäftsmodell zum Absenken der Säuglingssterblichkeit bei. In seinem Angebot gab es spezielle Säuglingsmilch von ausgesuchten Kühen in plombierten Flaschen. An dem Standort in Berlin Moabit lieferten die umliegenden Bauern ihre Milch an, die dort auch zu Jogurt und Quark verarbeitet wurde. Dabei kamen dem Firmenbesitzer Bolle Erfahrungen aus der Eisverarbeitung zu Gute.

motorisierter Bollemilchwagen in den 30er JahrenEine Bollekutsche war mit einem uniformierten Kutscher und mit einem so genannten Bollejungen der die Bimmel läutete unterwegs. Der meist kesse Bollejunge wurde zum Sinnbild Berlins. Brachte dieser nicht nur die Milchflaschen in den Mietshäusern hinauf und kassierte das Milchgeld, sondern verbreitete auch den neusten Klatsch und Tratsch in der Nachbarschaft. Mit ihren Deckelmützen verbreiteten sie nicht nur den frechen Berliner Witz sondern amüsierten sich auch selbst "wie Bolle off'n Milchwagen". Der Spruch "frech wie Bolle" ist auch ein Überbleibsel aus jener Zeit. Ein ehemaliger Bollejunge erzählte später, dass er 13jährig um die Jahrhundertwende die Schule verließ und bei Bolle anfing Milch auszutragen. Mit blauen Kittel, seiner Uniformmütze und blank geputzten Stiefeln traten die Bollejungen gar wie beim Militär an. An den Milchstationen angekommen gingen sie dann auf die Höfe der Mietskasernen, läuteten die Glocke und mussten dann mit den Milchkannen treppauf bzw. treppab. Der Wochenlohn bezifferte 3,90 Mark und wurde Jahr für Jahr um eine Mark erhöht. Unordentliche Kleidung, Zuspätkommen und das Nichterscheinen beim samstägigen Gottesdienst wurden mit Geldstrafen belegt. Von den Mitarbeitern forderte Bolle eiserne Disziplin behandelte aber alle als gehörten sie zu einer großen Familie. Dies war ihm wichtig, so dass es in seinem Unternehmen kaum Fluktuationen gab. Die Angestellten und Arbeiter der Bollemeierei mussten samstags nach Arbeitsschluss zum Instruktionsapell mit anschließendem Kirchgang erscheinen. Viele der Bollejungen wurden die späteren Kutscher auf dem Bollewagen. Sie mussten schon in der Früh um drei auf dem Bollegelände die Pferde versorgen und nach der Tour die Abrechnung der Bollejungen erledigen. Sie bekamen einen Wochenlohn von 21 Mark und zwei Prozent Provision, wenn die Tageseinnahmen der Tour 45 Mark überschritten.

Der stets sozial eingestellte Bolle kümmerte sich auch für die Belange seiner Beschäftigten. Auf dem Werksgelände ließ Bolle neben einer Kirche kulturelle Einrichtungen, wie Kino und Theater einrichten. Für die Kinder seiner Arbeiter und Angestellten ließ Bolle Kindererholungsheime bauen. Ein Pfarrer absolvierte die Krankenbesuche, die Bollejungen erhielten kostenloses Schuhwerk. Es wurden auch Familienabende sowie Dampferfahrten veranstaltet und viele der Angestellten wohnten in den von Bolle errichteten Mietskasernen. Es gab regelmäßige Weihnachtsgeschenke, verschiedene finanzielle Unterstützungen und Zuschüsse für den Kauf von Holz und Kohle. Für die Arbeiterkinder wurde eine Schule eingerichtet und für alle Mitarbeiter stand eine Leihbibliothek zur Verfügung. Für das körperliche Wohl stand neben einer Kantine eine Gastwirtschaft. Diese vorbildliche Unternehmensführung veranlasste das Kaiserpaar 1889 nebst stattlichem Gefolge zu einem Werksbesuch. 1909 wurde Carl Andreas Julius Bolle zum "Geheimen Kommerzienrat" (Ehrentitel für Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaft) verliehen. Ein Jahr darauf verstirbt Bolle 78jährig als mehrfacher Millionär. In seinem Unternehmen fuhren zu dieser Zeit fast dreihundert Bollewagen durch die Straßen Berlins.

Im Pankower Stadtteil Niederschönhausen findet sich nur ein Zeugnis aus Bolle's Zeiten. Ein kleiner offener Platz in der Wohnsiedlung an der Nordendstraße war einst Bollehof genannt, hier machten die Bollemilchwagen Rast.

Quickinfo's

BeratungTelefon

[0 30] 430 50 440

BeratungeMail

info[at]pankeguide[.]de

BeratungNeue Erkenntnisse

ständige Erweiterung...

BeratungPreiswert werben

Zugriffe nutzen...

Seite optimiert für Browser...
Windows Explorer Firefox Opera Safari Konqueror Chrome

Entlang der Panke - Von der Quelle im Naturpark Barnim durch den Norden Berlin's

Projektbeschreibung

Mit unserem Regionalportal beschäftigen wir uns mit der Entwicklung der Pankeregion. Die Epochen der Zeitgeschichte und die Siedlungsgeschichte an der Panke bilden die Grundlage geschichtlicher Recherchen über die ehemaligen Landgemeinden.

Helfen Sie mit

Um dieses Projekt vielfältiger zu gestalten suchen wir stets neue Informationen rund um die Region. der Panke. Vor allem aber suchen wir alte Fotos, Postkarten, Schriftstücke, die unsere Geschichte wiederspiegeln. Benötigen Sie aktuelle Fotos aus dem PankeGuide, dann fragen Sie einfach nach, wir haben ein großes Archiv aus den Bezirken und dem nördlichen Land Brandenburg.

eMail-Adresse

Sie wohnen in den Ortschaften Franz. Buchholz, Schönholz oder Niederschönhausen . Dann können Sie passend zu Ihrem Wohnort eine eMail-Adresse bei uns buchen. Für nur 5,00 € inkl. USt. jährlich bekommen Sie Ihre Wunschadresse. Das Kontingent ist begrenzt, also sichern Sie sich Ihre passende Adresse für Ihren Wohnort.

Werbung im PankeGuide, PrenzlGuide, WeddinGuide

Businesskunden haben die Möglichkeit Ihr Unternehmen in unserem Portal zu bewerben. Dafür stehen verschiedene Möglichkeiten und Preismodelle zur Verfügung. Ebenfalls möglich ist die Einbindung von eigenen Webinhalten im Projekt.

Valid XHTML 1.0 Transitional CSS ist valide!